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Orpheus und Eurydike

ange ehe der große griechische Dichter Homeros die Menschen mit seinem Gesang entzückte, durchdrang Orpheus mit göttlichem Liede die Welt. Sein Vater war der Flussgott Oiagros, der zu jenen fernen Zeiten als König über die Landschaft Thrakien gebot, seine Mutter war Kalliope, die Muse des Heldengedichtes. Weil aber die Himmelsmusik Apollons, deren Tönen die Schöpfung in all ihrer Vielfalt ordnet und belebt, schon aus dem Munde des Knaben strömte, nannte man ihn kurzweg einen Sohn des Lichtgottes und erzählte sich allgemein, Orpheus habe seine goldene Leier aus Apollons eigenen Händen empfangen. Wenn er sang, flogen die Vögel aus Wald und Feld herbei, nahten die wildesten Tiere friedlich und legten sich ihm zu Füßen, floss das Wasser der Bäche herzu und brachte die Fische vor ihn; ja Felsen und Bäume wanderten, wie mit Füßen begabt, einher, seinem Liede zu lauschen. Orpheus' Gemahlin war Eurydike, eine Nymphe von großem Liebreiz. In keines Bergquells Wasser spiegelte sich des Sonnenhimmels Licht so rein, so ungetrübt wie in Eurydikes Auge, wie auf Eurydikes holdseligem Antlitz. Innigste Liebe verband die beiden Gatten miteinander, doch eines Tages wurden sie durch ein grausames Schicksal getrennt. Eurydike wandelte mit ihren Gespielinnen, lieblichen Baum und Quellnymphen, über eine Wiese; plötzlich schoss eine giftige Natter aus dem Grase hervor und biss die Schreitende in die rosige Ferse. Mit einem Seufzer sank Eurydike zu Boden, ihre erschrockenen Freundinnen bemühten sich um sie, aber es war vergebens: ihre Seele weilte bereits im Reiche der Schatten. Orpheus war untröstlich. Was war das Klagen und Weinen der Nymphen, die in Tälern und auf Bergen um Eurydike trauerten,' gegen die Schmerzenstöne aus der Brust des Sängers! Aber nicht wilde Schreie oder irres, zerrissenes Gestammel kamen über seine Lippen, sondern Lieder der Wehmut, denen Stein und Pflanze und Getier ebenso teilnahmsvoll lauschten, wie sie seinen Freudengesängen, seinen Liebesliedern und den Hymnen auf Götter und Helden gelauscht. Die Vöglein in den Wipfeln und das Reh im Waldesgrund kamen herzu und trauerten mit ihm, Löwe und Tiger weinten beim Klang seiner Leier, Steine zersprangen, und der Wasserfall erstarrte vor Weh, als hätte der grausige Winterfrost ihn gebannt. Doch vergeblich durchirrte Orpheus Thrakiens Berge und Täler, vergeblich rührte er die ganze Natur mit seinem Klagelied - die Geliebte kehrte nicht wieder. Da entschloss er sich, lebend hinabzusteigen ins öde Reich der Schatten und Eurydike Freizubitten. Er wanderte also nach Lakonien zum Berge Tainaros, wo sich einer der Eingänge in die Unterwelt befand, und stieg mutig hinab. Der Hall seines Schrittes erstarb, Finsternis umgab ihn, graue Schatten umschwebten ihn, es war ihm, als sei er selbst schon einer von ihnen. Aber die Toten erkannten ihn sogleich als einen, der noch der Oberwelt gehörte, und umdrängten ihn sehnsüchtig: seine goldene Leier, Apollons Geschenk, leuchtete wie die Sonne und wärmte die Frierenden.

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