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Der kadylonische Eber

n Kalydon, einer Stadt in der Landschaft Aitolien im Westen Griechenlands, herrschte König Oineus. Er war vermählt mit Althaia. Sie schenkte ihm einen Sohn, den sie Meleagros nannten, und weil sich gar bald zeigte, dass der Knabe von dem unbändigen Geiste und der Kraft des Kriegsgottes erfüllt war, erhielt er den Beinamen "Sohn des Ares". Als das Kind sieben Tage alt war, traten die drei Moiren, die mächtigen Göttinnen des Schicksals, an das Wochenbett der Königin und bestimmten weissagend die Erdenwege des Kindes. Klotho, die den Spinnrocken hält, verhieß ihm Tugend und Adelsinn; Lachesis, die den Lebensfaden dreht, Kraft und Mut; Atropos aber, die nach Streng verborgener Weisheit den Lebensfaden abschneidet und dem Menschen die Stunde bestimmt, da er ins Reich der Schatten muss, sagte: "Dieser Knabe wird so lange leben, als das Holzscheit dort im Herde noch nicht völlig verbrannt ist." Die Göttinnen entwichen, die Mutter aber sprang im selben Augenblick vom Lager auf, riss das kostbare Scheit aus der Flamme, löschte seine Glut und versteckte es sorgsam in ihrer Kammer.Meleagros wuchs heran und ward der schönste und herrlichste Held weit und breit. Die Götter hatten ihn mit dem Geschenk der Unverwundbarkeit gesegnet. Schon als bartloser Jüngling nahm er an dem berühmten Zuge der Argonauten nach Kolchis teil. Bald nachdem er von dort zurückgekehrt war, brach über sein Vaterland schlimmes Unheil herein. König Oineus hatte die ersten Früchte eines besonders gesegneten Jahres den Göttern dargebracht: Kornähren für Demeter, Weintrauben für Bakchos, junges 01 für Athene - nur der Artemis hatte er vergessen zu opfern, ihr Altar blieb kalt, kein Weihrauch stieg dort empor. Und die erzürnte Göttin rächte sich schrecklich. Sie ließ einen riesigen Eber auf die kalydonischen Fluren los. Aus den Augen des wilden Tieres brach lodernde Glut, Blitze entfuhren seinem schäumenden Rachen, aus dem die Hauer wie Elefantenzähne ragten, und die struppigen Borsten seines Nackens starrten gleich Schanz pfählen. Die Hufe dieses Ebers zerstampften die Wiesen, sein Rüssel zerwühlte die Weideplätze, sein Atem steckte die Äcker in Brand. Die Trauben fraß er mitsamt den Ranken, die prallen Olivenbeeren mitsamt den Blättern und Zweigen, und weder Hund noch Hirte vermochten die Schafe, noch die trotzigsten Stiere die Rinder vor dem wütenden Ungeheuer zu schützen.

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