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Die Rache

och nicht lange saß Elektra so: zwei Jünglinge in Wanderkleidung, die eine Totenurne trugen, zogen ihren Blick auf sich. Das Paar nahte feierlichen Schrittes dem Palast. Hoch hob Elektra das Haupt. "Wessen Asche bringt ihr da?" fragte sie gespannt. Im nächsten Augenblick aber sprang sie auf und eilte den beiden entgegen. "Nein!" schrie sie. Sagt es mir nicht! Zu deutlich sprechen eure Mienen es aus: Orestes bringt ihr! O heiliges Gefäß! O heilige Überreste des geliebtesten Menschen!" Zitternd und schluchzend liebkosten ihre Hände die Urne, welche ihr die Jünglinge erstaunt überließen. "So musst du mir zurückkehren", klagte sie, "du, den ich so heiß ersehnt habe! Ach, wärest du doch an der Bahre des Vaters als Opfer gestorben, anstatt im fremden Lande vom Tode hingerafft zu werden! So war denn all meine süße Mühe umsonst, und unsere Rabenmutter tobt in wilder Lust, seit keine heimliche Rachebotschaft mehr ihr Herz erschrecken kann! Orestes, geliebter Bruder, habe ich dich darum nach Phokis geschickt, dass du mir so wiederkommst? O nimm mich auf in deine Urne - vernichtet bin ich, nimm mich mit dir in den Hades!" Jetzt konnte der eine der beiden Jünglinge nicht mehr länger an sich halten. "Wie", rief er, "ist's möglich, dass diese Jammergestalt Elektra wäre? Wer hat diesen edlen Leib so frevelhaft entstellt?" Elektra blickte auf. "Wer den Mördern des eigenen Vaters dienen muss, den zehren Gram und Rachedurst auf, o Fremdling." "Nenne mich nicht Fremdling", sprach der Jüngling mit tränen-erstickter Stimme. "Stell diesen Aschenkrug weg, er ist leer; den Lebendigen schließt keine Urne ein!" "So lebt Orestes?" "Er steht vor dir, Schwester! Erkenne mich an dem Zeichen, das mir der Vater in den Arm geritzt und das du küsstest, ehe der Bote mit mir nach Phokis floh. Glaubst du nun, dass ich Orestes bin? Glaubst du, dass ich lebe?" "O Lichtstrahl in der Nacht!" rief Elektra und lag in seinen Armen. In diesem Augenblick kam der Mann aus dem Palaste heraus,welcher der Königin die falsche Todesnachricht überbracht hatte. Elektra wandte sich ihm zu und rief: "O du einziger Retter dieses Hauses - welchen Dienst haben mir diese treuen Hände, diese treu bemühten Füße geleistet! Wie erging es euch im Phokerlande? Wie verbargt ihr euch vor den Häschern des Aigisthos, die überall lauern? Was habt ihr ausgeheckt, was wollt ihr tun? Erzählt, erzählt!" "Dazu ist jetzt keine Zeit", antwortete ihr der treue Pfleger ernst. Dann wandte er sich an Orestes und flüsterte diesem zu: "Die Stunde drängt. Noch ist Klytaimnestra allein im Hause, von keinem Manne bewacht - noch weilt Aigisthos mit seinen Kriegern fern."

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