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Orestes und die Erinnyen

icht aus eigenem Antrieb hatte Orestes die furchtbare Tat begangen, ein Orakelspruch des Apollon hatte sie ihm befohlen und ihn eigens nach Mykenai geschickt. Nun die furchtbare Rache vollzogen war, wurde Orestes wahnsinnig: die Töchter der Nacht hefteten sich an seine Schritte. Woher kamen diese? Wer waren sie? - Was spätere Geschlechter das böse Gewissen benannten, dessen Bisse uns das Herz zernagen, dessen Reuedolch unsere Seele zerklüftet, das sah der Schuldbeladene in jenen Zeiten noch in leibhaftiger, entsetzlicher Gestalt von außen auf sich zustürzen. Aus den Tiefen des Tartaros stiegen die Erinnyen, die Rachegöttinnen, die furchtbaren Töchter der Nacht, und scharten sich um ihr Opfer. Schwarz waren sie und übermenschlich groß, abscheulich von Gestalt, mit blutigen Augen und mit Schlangen im Haar, mit Fackeln in den Händen und Geißeln aus zusammengeflochtenen giftigen Vipern. Niemand, den sie verfolgten, konnte ihnen entfliehen. Diese Töchter der Nacht umringten nach getaner Tat auch den Orestes. Dass er im Auftrage des hellen Gottes Apollon gehandelt hatte, kümmerte sie wenig; für sie war und blieb er ein Muttermörder. Sie wichen ihm nicht von der Seite, und ihre beständige Gegenwart, ihr dauernder Anblick machten ihn wahnsinnig. Er floh, nachdem er in einem Augenblick der Besinnung seinen Freund Pylades mit der geliebten Schwester Elektra verlobt hatte, aus dem Vaterhaus und verließ Mykenai. Wie ein gehetztes Wild irrte er von Ort zu Ort. Pylades stand dem wahnsinnig gewordenen Freunde getreulich bei, teilte alle Not mit ihm; er war der einzige menschliche Beschützer, den Orestes auf seinen Wanderungen hatte. Sein einziger himmlischer Beschützer war Apollon, der goldstrahlende Gott, der ihm die Rache befohlen hatte. Von Zeit zu Zeit erschien er, bald sichtbar, bald unsichtbar, an seiner Seite und wehrte die ungestüm nachdrängenden Erinnyen wenigstens vom Leibe des hart Geschlagenen ab. Aber auch der Geist des Verfolgten wurde klarer und ruhiger, wenn der Gott in seiner Nähe weilte. So waren die Flüchtlinge nach langen Irrfahrten endlich in das Gebiet von Delphi gekommen. Dort, im Tempel des Apollon, fand Orestes eine Freistatt, wo er vor den Töchtern der Nacht sicher war; die finsteren Göttinnen mussten an der Grenze des heiligen Bezirkes zurückbleiben. Todmatt streckte sich Orestes auf dem Fußboden des Heiligtums hin. Da erschien ihm der Gott, mitleidig stand er an seiner Seite und sprach: "Unglücklicher Sohn, sei getrost! Siehe, die grauenvollen Weiber, die sonst unten in der Finsternis des Tartaros wohnen und deren Umgang Götter und Menschen, ja selbst Tiere scheuen, sie liegen ferne meinem Tempel, durch mich gebändigt, in bleiernem Schlaf. Doch nur kurz wird ihr Schlummer sein, meine Macht reicht nicht aus, die grausigen Göttinnen für immer zu bannen; darum raste hier nicht allzu lange, sondern fliehe weiter, aber nicht mehr ziellos wie bisher. Nach Athen lenke deine Schritte, zur ehrwürdigen, alten Stadt meiner Schwester Pallas. Dort will ich ein gerechtes Gericht einberufen, vor welchem du deine Sache verteidigen kannst. Ich selbst scheide jetzt von dir, du aber sei ohne Sorge, mein Bruder Hermes, der alle Wandernden beschützt, wird dich begleiten."

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