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Argamemnons Ermordung

n Schutt und Asche gesunken war die einst so stolze Stadt Troia. Aus ihren Trümmern kamen allmählich die wenigen übriggebliebenen Einwohner hervor, verwundete Männer, verängstigte Greise, an ihrer Spitze Antenor. Er führte sie beim schmerzlichen Werk der Leichenbestattung an. Lange bauten sie an einem ungeheuren Holzstoß, und als er fertig war, legten sie unter vielen Mühen und Tränen die Leichen der Ihrigen darauf und zündeten den Scheiterhaufen an. Er brannte den ganzen Tag, und noch in der Nacht leuchtete seine Glut weithin über das dunkle Meer. Die heimsegelnde Griechenflotte aber war von Unglück verfolgt. Sie führte Kassandra an Bord, die Priamostochter, die an hohem Wuchs alle anderen gefangenen Troerinnen weit überragte. Sie spottete der Klagen ringsum: geschehen war, was sie geweissagt hatte und weswegen sie von den nun Jammernden immer verlacht worden war. Ihr Mund verhöhnte die Mitgefangenen, aber ihr Herz blutete bei dem Gedanken an ihre zerstörte Vaterstadt. Kassandras wegen verfolgte die Griechen das Unheil bei ihrer Heimfahrt. Der Lokrer Aias, genannt der Kleine, hatte sich nämlich bei der Zerstörung Troias frevlerisch an Kassandra vergriffen und die Priesterin, die im Tempel der Athene die Bildsäule der Göttin schutzflehend umarmte, an den Haaren aus dem Heiligtum geschleift. Später hatte Agamemnon die Seherin aus den Armen des wütenden Lokrers gerissen, und unter dem Schutze des Königs fuhr sie nun über die Wellen des Meeres der Fremde entgegen. Athene aber verlangte von Zeus, ihrem Vater, Bestrafung der Griechen durch einen furchtbaren Sturm, den der Gott sogleich entfesselte. In dem Gewitter, das ihn begleitete, schleuderte Athene selbst den schärfsten Donnerkeil, den sie hatte, auf das Schiff des kleinen Aias herab, dass es in tausend Stücke barst und der Held sich schwimmend zu retten suchte. Aber wenn er auch ein Felsenriff erschwamm und verzweifelt umklammerte - Poseidon, der das Meer unbarmherzig aufwühlte, riss ihn herab und stürzte auf den Hinsinkenden noch einen berstenden Hügel des Vorgebirges, der ihn begrub. Viele Schiffe der Danaer waren zerbrochen und untergegangen, die restlichen, leck und schwankend, wurden von den auf gepeitschten Wogen grässlich umhergeschleudert. Unaufhörlich tobte die Meeresflut, unaufhörlich strömte der Regen. Erst nach langer Zeit beruhigten sich Luft und Wasser; der Frevel an Athenes Priesterin war gesühnt, und die Überbleibsel der Flotte konnten sich sammeln und die Heimfahrt fortsetzen. Die Flottille des Völkerfürsten Agamemnon segelte unter dem Schutze der Hera, sie hatte keinen Schaden genommen und steuerte rüstig der Küste der Peloponnes zu. Schon tauchte das spitzige Felsenhaupt des Vorgebirges Malea auf, und Mykenais Hafen war nicht mehr weit. Aber da brach ein Orkan von solchem Ungestüm los, dass er Agamemnons Schiffe zerstreute und weit ins Meer zurückwarf... Oh, hätte der König gewusst, was ihn zu Hause erwartete, er hätte die Hände nicht so flehentlich zum Himmel erhoben und die Götter um glückliche Heimkehr gebeten. Der Sturm war diesmal sein Freund, der ihn davon abhalten wollte, bei den Seinen zu landen; denn dem Agamemnon wäre besser gewesen, an die fernste Barbarenküste verschlagen zu werden, als den Fuß auf den Boden Mykenais und über die Schwelle seines Königspalastes zu setzen.

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