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Elektra

lektra führte inzwischen jahrelang im Königspalaste ihres ermordeten Vaters das traurigste Leben, und nur die Hoffnung, ihr Bruder werde dereinst, zum Manne herangewachsen, als Rächer im väterlichen Hause erscheinen, ließ sie alle Demütigungen ertragen, die sie von seiten ihrer eigenen Mutter und deren Buhlen erfuhr. Aigisthos saß frech auf dem Throne Agamemnons in königlicher Herrlichkeit. Angetan mit des Ermordeten Prunkgewändern, durchschritt er den Palast und brachte den Schutzgöttern des Hauses an derselben Stelle, wo er den Wehrlosen gemetzelt, Trankopfer dar. Klytaimnestra begegnete ihrer klugen Tochter nur mit bitterster Feindschaft, schalt sie wegen ihrer beharrlichen Trauer um den Vater und stieß harte Drohworte gegen sie aus. Düstere Glut glomm in Elektras Herzen, immer einsamer wurde sie, von rasendem Rachedurst verzehrt. Bei ihrer Schwester fand sie wenig Verständnis, denn Chrysothemis war mild und nachgiebig, ehrte in Klytaimnestra immer noch die Mutter und diente ihr freiwillig, während Elektra es schon als schändliche Knechtschaft empfand, im selben Hause mit der Mörderin und dem Thronschänder zu wohnen. Eines Tages ging Chrysothemis mit Opfergeräten und Grabspenden aus dem Palast. Sie begegnete auf den Torstufen Elektra, die gerade vom Brunnen kam, wo sie Wasser geschöpft hatte. "Ach, Schwester", rief Chrysothemis, "wie lange willst du dich noch solchem fruchtlosen Trauern hingeben? Glaubst du, mich grämt nicht, was ich sehen muss? Wie der Mörder unseres Vaters das Zepter führt? Wie er unserer Mutter zärtlich begegnet? Doch schweige ich aus Not und füge mich, sie sind ja stärker. Dich aber, so höre ich sie reden, dich wollen sie fern von hier in einen tiefen Kerker werfen, wo du den Strahl der lieben Sonne nie wieder schauen wirst." "Mögen sie es tun!" erwiderte Elektra finster und stolz. "Mir ist am wohlsten, wenn ich recht weit von euch allen weg bin... Doch wem bringst du dies Opfer?" "Die Mutter hat es unserem verstorbenen Vater bestimmt", antwortete Chrysothemis. "Dem Ermordeten?" rief Elektra voll Verwunderung und Hohn. "Den sie mit eigener Hand tötete? Was bringt sie auf solche Gedanken? Etwa die Reue?" Elektra brach in ein grauenhaftes Lachen aus. "Ob es auch Reue ist, kann ich nicht sagen", entgegnete die Schwester, "doch dass es ein nächtliches Schreckbild war, das weiß ich gewiss." "Was für ein Schreckbild?" forschte Elektra ernst und trat näher. "Sie schaute den Vater im Traume", flüsterte Chrysothemis. "Sie sah ihn, wie er den Herrscherstab, den er einst trug und den jetzt Aigisthos' Hand besudelt, in unserem Hause ergriff und in die Erde pflanzte. Dem Stabe entspross ein Baum mit Ästen und üppigen Zweigen, deren Schatten sich über ganz Mykenai verbreitete wie ein Schatten dunkler Wolken. Durch dieses Rätselbild erschreckt, schickte sie mich heute, da Aigisthos ferne weilt, zum Grabe des Vaters, den Geist des Toten durch Opfergaben zu versöhnen."

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