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Troias Untergang

in Mensch nur verfiel der allgemeinen Raserei und Freude nicht, das war Kassandra, die mit göttlicher Seherkraft begabte Tochter des Priamos. Was ihr Mund kündete, war noch immer eingetroffen. Sie stürzte mit flatternden Haaren gaßauf, gaßab und rief: "Seht ihr denn nicht, dass ihr alle zum Hades hinabtanzt, ihr Unseligen? Ihr jauchzt am Rande des Abgrunds, heute noch verschlingt euch seine gähnende Nacht! Feuer und Blut erfüllen die Stadt, aus dem Bauche des Rosses wallen sie hervor, schrecklich rächen die Götter Helenas sündigen Ehebund!" Tief seufzend, die Augen voll Fieberglut, den Nacken hin und her wiegend, wie ein Zweig im wilden Winde sich wiegt, so eilte sie umher, vom Geist getrieben, aber niemand schenkte ihr Gehör. Die Leute schalten sie eine törichte Schwätzerin, lachten sie aus und grollten: "Hat dich alle jungfräuliche Scham verlassen, Königstochter? Was treibst du dich öffentlich in den Straßen herum? Geh heim und störe unser Friedensfest nicht mit deinen schwarzen Rufen!" Da kehrte Kassandra gesenkten Hauptes in die Burg zurück; das Schicksal nahm seinen Lauf. Flöten- und Harfenklang und das Lärmen fröhlicher Zecher und Schmauser erfüllten die Stadt. Die halbe Nacht gaben sich die Troer den Freuden üppiger Gelage hin. Die Becher kreisten so lange, bis die Trinker zu stammeln begannen und in dumpfe Betäubung sanken. Um Mitternacht lagen alle in tiefem, traumlosem Schlaf. Jetzt erhob sich Sinon! Er hatte mit den Troern im Freien getafelt und gebechert, sich zuletzt schlafend gestellt. Die Nacht war lau, aber der Mond hinter dunklem Gewölk verborgen. Sinon schlich zur Mauer, entzündete eine Fackel und hielt ihren lodernden Brand hoch in die Luft. Weithin drang ihr Schein und rief die lauernde Flotte aus Tenedos herbei; so war es mit Nestor und Agamemnon verabredet. Dann löschte er die Fackel wieder, schlich zum hohlen Pferde hin, das einsam und finster im Tempelbezirk stand, und pochte leise an dessen Bauch. Da rückte der wachsame Epeios den Riegel, schob die Türe auf und ließ die Leiter hinab. Als erster erschien Odysseus in der Öffnung. Mit scharfen Augen spähte er überall umher, ob nicht einer der Troer erwacht sei; doch alle schliefen. Wie ein heißhungriger Wolf, der sachte zwischen Hirten und Hunden hindurch in den Schafspferch schleicht, so lautlos kletterte Odysseus vollends die Leiter hinab, und ein Mann nach dem anderen folgte ihm klopfenden Herzens. Als sie alle im Freien standen, hoben sie die Lanzen, zogen die Schwerter und verbreiteten sich durch alle Straßen, drangen in alle Häuser und Paläste ein und vollführten unter den trunkenen Troern ein grauenhaftes Gemetzel; Blut färbte die Schwellen aller Wohnungen, das Pflaster der Straßen, die Schwellen der Tempel. Hunderte wurden im Schlafe erschlagen, und was erschrocken auftaumelte und sich zur Wehr setzte, wurde dennoch niedergemacht, weil die meisten waffenlos waren oder zu weinschwer, um kämpfend eine Waffe zu führen.

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