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Der Sturz des Peliden

weimal noch drohte den Griechen Gefahr; das eine Mal, als die Amazonenkönigin Penthesileia mit ihrer schimmernden Mädchenschar den Troern zu Hilfe eilte, das zweite Mal, als Memnon, König der Aithiopier, mit seinen schwarzen Kriegern zu den Dardanern stieß. Penthesileia war eine leibliche Tochter des Kriegsgottes Ares. Sie hatte einst auf der Jagd statt des flüchtigen Hirsches, hinter dem sie einhergesprengt war, ihre eigene geliebte Schwester Hippolyte mit dem Speer durchbohrt; seither verfolgten sie die Rachegöttinnen auf Schritt und Tritt, sie waren durch kein Opfer zu versöhnen. Die jugendliche Fürstin hoffte, diesen Qualen durch einen den Göttern wohlgefälligen Kriegszug zu entgehen, darum sammelte sie zwölf auserlesene Kampfgefährtinnen um sich, herrliche Jungfrauen, waffengewandte, tollkühne Amazonen, die jedoch augenblicklich niedrigen Sklavinnen glichen, sobald ihre Königin unter sie trat. Wie der Mond die Sterne am nächtlichen Himmel überstrahlt, so überragte Penthesileia ihre Mädchen an Glanz und Schönheit. Penthesileias Königreich, ein Reich, in welchem die Frauen herrschten, Hab und Gut von den Müttern auf die Töchter vererbt wurde und die Jungfrauen Waffen trugen und Schlachten schlugen, lag am Thermodonstrom im Lande Pontos in Kleinasien. Von dort war sie mit ihren zwölf Mädchen nach Troia aufgebrochen. Als die Belagerten von der Zinne herab die junge Königin, ganz in Erz gehüllt, an der Spitze ihres Trupps einherschreiten sahen, glaubten sie eine Göttin zu schauen. Von allen Seiten her eilten sie der schönen Fürstin entgegen, in deren Antlitz sich das Schreckliche mit dem Lieblichen wunderbar verband, und konnten sich an ihrem Anblick nicht satt sehen. Ein holdseliges Lächeln umschwebte Penthesileias Lippen, wie Sonnenstrahlen leuchteten unter langen Wimpern ihre lebensvollen Augen, die Röte mädchenhafter Scheu auf ihren Wangen erhöhte noch ihren Liebreiz und ihre Anmut. Da fassten auch die verzagtesten Troer wieder neuen Mut, selbst Priamos' todtrauriges Herz blühte in neuer Hoffnung auf, als die gewappnete Mädchenschar das Königshaus betrat. Der Greis ehrte die Frauenkönigin wie seine eigene Tochter, bewirtete sie aufs köstlichste und beschenkte sie wahrhaft fürstlich. Und die Königin der Amazonen erhob sich von ihrem Sitz und tat einen feierlichen Schwur: "Im Namen meines Vaters Ares verheiße ich euch den Tod des Achilleus und aller Griechen. Mit mir und meinen Mädchen vereint, werdet ihr die Scharen der Danaer vertilgen, und ihre verhassten Schiffe soll das Feuer verzehren!" Ein Taumel erfasste alle Männer und Frauen, die das hörten, nur Andromache, Hektors trauernde Witwe, schwieg und dachte bei sich: ‚Du Törin weißt nicht, was du redest. Siehst du den Todesgott nicht, der jetzt schon vor dir steht? Auch meinen Gatten Hektor liebten und umjubelten die Troer wie einen Gott, und doch hat ihm die Lanze des Männermörders Achilleus den Hals durchbohrt. O dass mich die Erde verschlänge!' Als die Nacht hereinbrach, bereitete man den dreizehn Jungfrauen ein Lager. Penthesileia sank bald in tiefen Schlummer - da schickte ihr Pallas Athene ein verderbliches Traumbild: Ares, ihr eigener Vater, erschien der jugendschönen Fürstin und stachelte sie auf, am anderen Morgen den Peliden unerschrocken zum Kampf zu stellen. Mit jauchzendem Herzen sprang die Königin auf, wappnete sich mit silbernem Harnisch und goldenem Helm, gürtete sich das Schwert um, riss Lanze und Streitaxt an sich, dazu ihren Schild, der dem Monde glich, wenn er aus dem Spiegel des Meeres schimmernd aufsteigt, und stürmte mit ihren Mädchen aus der Burg, alle Troer mit sich fortreißend.

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