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Die Schlacht. Diomedes verwundet den Kriegsgott

ährend nun Paris bei Helena weilte und, in den Anblick der schönen Frau versunken, Troia und die Griechen vergaß, durchstürmte sein Erzfeind Menelaos noch immer das Feld. Wie ein Raubtier spähte er suchend den weiten Kampfplatz aus, fragte einen jeden nach dem verschwundenen Paris, aber weder Troer noch Griechen konnten dem Rasenden sagen, wohin sein Gegner entschlüpft war, denn keiner wusste es. Hätten sie es aber gewusst, sie würden ihn Menelaos unbarmherzig gezeigt und ihm ausgeliefert haben, denn er war allen zuwider wie der Tod. Endlich erhob Agamemnon seine Stimme und sprach: "Höret mich an, ihr Dardaner und Griechen! Kein Gerechter kann bestreiten, dass Menelaos den Paris besiegt hat. Also mögen ihm die Troer auf der Stelle Helena, sein Weib, samt allen geraubten Schätzen herausgeben, wie es durch Opfer und Eide bekräftigt wurde, und uns für alle Zeit Tribut zahlen!" Mit Jubel stimmten die Danaer diesem Vorschlag zu - die Troer aber schwiegen. Doch während ihr Schweigen noch wie drohendes Gewölk über der Ebene lastete, wurde im Rat der Himmlischen auf Drängen Heras der Untergang Troias beschlossen. Eine Schlacht sollte die Skamandrische Ebene erschüttern, wie die Erde noch keine zuvor gesehen, und Pallas Athene erhielt von Zeus den Befehl, sie zu entfesseln. Unverzüglich stürzte sich die Göttin vom Olympos herab, mitten in das Getümmel der Troer. Sie ergriff den Leib des Laodokos, eines Sohnes des Antenor, und begab sich in dessen Gestalt zu Pandaros, dem trotzigen Verbündeten der Dardaner, der mit seiner Heerschar aus Lykien gekommen war. Er stand in der Mitte seiner Leute, als die Göttin sich ihm nahte. Sie klopfte ihm auf die Schulter und sprach: "Höre, Freund, jetzt könntest du etwas tun, was dir bei den Troern Preis und Dank einträgt, besonders bei Paris, der dich reich belohnen wird. Nimm deinen hürnenen Bogen, leg einen Pfeil ein, spanne die Sehne und ziele auf Menelaos. Schieß und triff! Sieh nur, wie hochmütig er dort steht und sich als Sieger dünkt!" So sprach die Göttin, entwich aus der Schar der Lykier, und das Herz des betörten Mannes gehorchte ihr. Ein vielstimmiger Wutschrei zerriss das Schweigen, als König Menelaos plötzlich aus einer Pfeilwunde an der Hüfte blutete. Das Geschoss hatte den Leibgurt durchschlagen, war durch den Harnisch gedrungen und hatte die Haut aufgerissen. Ein Schauer durchrieselte den Getroffenen ob des Frevels, der da geschehen war; wehklagend umringten ihn Agamemnon und die Genossen. Der beschworene Bund war gebrochen, der Friede wich. Noch während der Arzt und die Helden sich um den Spartanerkönig bemühten, rückten die Schlachtreihen der Troer heran, und auch die Griechen hüllten sich wieder in Eisen. Agamemnon aber begab sich zu Fuß unter die Scharen der Streiter und ermunterte sie zum Kampf. Er lobte die Kühnen und schalt die Zaudernden. Beim Anblick der gewappneten Kreter, die ihren Heerführer Idomeneus umringten, lachte sein Herz: wie ein kampflustiger Eber stand der Held vor ihm, bereit, sich im nächsten Augenblick auf die Troer zu stürzen.

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