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Das hölzerne Pferd

it Todesverachtung stürmten die Griechen Tag für Tag gegen Troia an, es war, als umschwebte sie der Geist des Achilleus und befeuerte ihren Mut stets von neuem; aber alle Blutopfer waren vergeblich. Da verkündete eines Morgens ein Orakelspruch dem versammelten Heere: "Solange das Palladion, Athenes wundertätiges Bild, in Troias Mauern weilt, bleibt die ragende Stadt uneinnehmbar!" Augenblicklich machten sich Odysseus und Diomedes, die schlauesten der Griechen, auf, um das Götterbild zu rauben. Sie verkleideten sich als armselige Bettler, pilgerten in Lumpen gegen Ilion, gelangten unerkannt durchs Tor und warteten im Tempelbezirk den Einbruch der Dunkelheit ab. Als es Nacht geworden war, schlichen sie in das Heiligtum der Göttin, stahlen das Bildnis der Pallas und brachten es, unter ihren schäbigen Mänteln verborgen, noch vor Morgengrauen glücklich zu den Schiffen. Aber auch diese Mühe fruchtete nichts, der nächste Angriff der Griechen wurde blutig abgeschlagen, und schier verzweifelt rückte das kriegsmüde Heer ins Lager ein. Da trat Kalchas, der Seher, vor die Fürsten hin und sprach: "So kommen wir nicht weiter. Höret mich an! Es scheint, dass uns die Götter den Sieg so schwer als möglich machen wollen. Mut und tüchtige Waffen allein reichen nicht aus, darum sinnet auf eine List, mit welcher ihr Troia zu Fall bringen könnt. Indes ihr heute unter den Mauern kämpftet, beobachtete ich einen Habicht, der einer Taube nachjagte. Die Taube schlüpfte in einen Felsenspalt, der barg sie vor ihrem Verfolger. Lange lauerte der Habicht vergebens, das verschreckte Tier blieb unsichtbar. Da schlüpfte er ins nahe Gebüsch; die Taube wagte sich hervor, der Räuber schoss aus seinem Versteck und erwürgte sie im selben Augenblick. Nehmt euch diesen Vogel zum Vorbild, ihr Fürsten! Fragt nicht mehr nach Orakelsprüchen, sondern vertrauet der eigenen Vernunft und sinnet auf Listen!" Tagelang forschten die Helden, wie sie der trotzigen Stadt durch einen schlauen Winkelzug beikommen könnten, bis endlich Odysseus auf ein seltsames Mittel verfiel. "Wisst ihr, was, Freunde", sagte er, "wir zimmern ein Pferd von Riesengröße und schließen uns mit den tapfersten Kämpfern in seinem Bauche ein. Alle anderen sollen die Schiffe besteigen und nach der Insel Tenedos segeln, zuvor aber alles verbrennen, was unser Lager birgt. Die Troer werden meinen, wir seien, des Kampfes überdrüssig, in die Heimat zurückgekehrt; sie werden aus der Stadt hervorströmen und sorglos neugierig in der Ebene umherwandeln, sich vor allem dem hölzernen Pferde nähern.

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