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Paris und Menelaos

eus gedachte des Versprechens, das er der Meergöttin Thetis gegeben hatte, gar bald und sandte den Gott des Traumes in das Zelt des Königs Agamemnon, der dort in tiefem Schlummer lag. Der Traumgott erschien dem Atriden in der Gestalt Nestors, des Uralten, den Agamemnon unter allen Fürsten am meisten verehrte, stellte sich ihm zu Häupten und sprach: "Erhebe dich, Sohn des Atreus! Wer ein ganzes Volk beraten und lenken soll, darf nicht die ganze Nacht verschlafen wie andere Sterbliche. Als Bote des Zeus stehe ich vor dir: Rüste die Schlacht, die Stunde für Troias Untergang ist gekommen!" Freudig erregt sprang Agamemnon vom Lager. Er band sich die Sohlen unter die Füße, legte sein Gewand an, waffnete sich und schritt mit erhobenem Zepter zu den Schiffen. "Ruft das Volk zur Versammlung!" befahl er den Herolden, die sogleich in ihre hellen Hörner stießen, während er selber die Ältesten zum Rate lud. Als er an abgesonderter Stelle mit ihnen allein war, sagte er: "Hört mich an! Ein Traumbild hat mir in Nestors Gestalt Troias Verderben bestätigt und mich zur Entscheidungsschlacht ermutigt. Ich will ihm gehorchen, wie mutlos auch die meisten Männer seit dem Zorne des Achilleus sind, doch zuvor das Volk nach gutem Brauch auf die Probe stellen. Ich werde den Danaern raten, die Schiffe aufs Wasser zu setzen und von Troia zu fliehen. Ihr aber begebt euch zu euren Völkern und versucht, sie von der feigen Flucht abzuhalten." Da erhob sich Nestor und sprach: "Jeden anderen, der uns solches erzählte und zumutete, würden wir einen Lügner und Verbrecher schelten. So aber hat sich der Traum auf den Vornehmsten von uns herabgesenkt, darum lasset uns ihm gehorchen." Die Fürsten begaben sich zur Versammlung: ein Meer von Helmen wogte über das Blachfeld. Die Herolde geboten Schweigen. Von erhöhtem Orte aus redete Agamemnon zum Volk. "Ihr heldenmütigen Streiter!" begann er. "Zeus hat mich verblendet, als er mir Sieg über Troia und glückliche Heimkehr nach Argos verhieß. Nun, da wir schon so viele teure Helden vergeblich opferten, befiehlt mir der grausame Gott ruhmlose Rückkehr. Neun Jahre schon haben wir hier in diesem fremden, feindlichen Lande verbracht, unsere Schiffe verfaulen, die Seile vermodern. So ist es wohl am besten, wir gehorchen Zeus' Gebot und kehren heim zum liebsten Land der Väter. Niemals werden wir Troia vernichten können, zu stark sind seine Mauern, zu viele Bundesgenossen hat Priamos um sich geschart." Agamemnons Worte erregten die Menge wie der Sturmwind das Meer. In hellem Aufruhr eilte alles zu den Schiffen, man zog die Balken unter den Kielen weg, man räumte die Wassergräben, die das Lager mit der Küste verbanden, Staub erfüllte in schwarzen, wirbelnden Wolken die Luft.

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