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Hektors Tod. Die Leichenfeier für Patroklos

uf einem Turm seiner Feste stand Priamos, der Greis, und schaute wehklagend dem Treiben des Peliden zu. "Ihr Hüter der Mauern", rief er, "öffnet das Tor und haltet die Flügel weit auf, damit die fliehenden Völker ungehindert in die Stadt können, mir ahnt Schlimmes! Hinter den letzten aber fügt mir die Torflügel rasch und sorgsam ineinander, sonst stürmt der schreckliche Achilleus in die Stadt, und wir haben das Verderben mitten unter uns!" Die Wächter gehorchten. Sie schoben die Balkenriegel zurück. Breit ging das Tor auf, und alsbald strömten die Fliehenden hindurch, schwarz füllte ihr endloser Schwarm die Wölbung. Keiner von ihnen kümmerte sich um den Nachbarn, keiner schaute sich um, wer etwa zurückgeblieben oder gefallen wäre. Die Kehlen ausgedörrt, das Antlitz von klebrigem Staub bedeckt, liefen sie atemlos heran. Endlich durften sie den Schweiß kühlen, gierig löschten sie ihren Durst. Todmatt, aber glücklich, dem Wüten des Peliden entronnen zu sein, streckten sie sich längs der Mauer an der Brustwehr nieder. Einzig Hektor war außerhalb des Skaiischen Tores geblieben, seinem Schicksal gehorsam: die Stunde seines Falles war gekommen. Wie ein ungestümes Ross flog Achilleus auf die Stadt zu, Trotz verfinsterte seinen Blick. Priamos sah ihn von seiner Warte aus heranrasen und dachte: Wie leuchtet dieser Held! Wie Sirius, der aus-dörrende Hundsstern am Sonnenhimmel, mit seinem Blitzen dem Landmann Verderben kündet, so funkelt Achilleus mir entgegen! Mit den Händen schlug sich der Greis die Brust. "Hektor, mein Sohn!" rief er von der Mauer hinab, "was weilst du einsam draußen, von allen anderen getrennt? Willst du dich deinem Mörder mutwillig in die Hände geben? Komm herein in die Stadt, komm zu uns, wir bedürfen deines Schutzes! Erbarme dich deines elenden Vaters! Oh, warum hat Zeus mich dazu verdammt, so alt zu werden und so viel Leid und Untergang mit anzusehen?" So schrie und wehklagte er und raufte sich das Haar. Nun erschien auch Hekabe, Hektors Mutter, an der Zinne und rief hinab. "Hektor, mein Kind, ich habe dich an meiner Brust gestillt, habe dich gewiegt und in den Schlaf gesungen, erbarme dich deiner Mutter, komm in die Stadt! Hinter der Mauer magst du gegen den schrecklichen Mann kämpfen, miss dich nicht allein mit ihm!" Und sie zerriss ihr Gewand und weinte herzerschütternd. Hektor aber blieb unbewegt, nicht Tränen noch Worte vermochten ihn umzustimmen, er stand und erwartete Achilleus. Möge es sich endlich entscheiden, wem von uns beiden die Götter den Sieg verleihen, dachte er, indes der Pelide immer näher herankam, furchtbar herrlich, dem Kriegsgotte gleichend. Ober der rechten Schulter trug er die bebende Eschenholzlanze, seine Rüstung schimmerte wie die aufgehende Sonne. Als er nur mehr wenige Sprünge vom Skaiischen Tor entfernt war, begann Hektor nun doch zu zittern. Er wandte sich jählings um und floh. Wie ein Falke, der eine Taube verfolgt, die immer wieder seitwärts zu entflattern trachtet, während der Räuber pfeilgerade auf sie losstürzt, so heftete sich der Grieche an die Fersen des Dardaners. Längs der Mauer ging die Jagd über den Fahrdamm hin, vorbei an den sprudelnden Quellen des Skamandros und immer weiter rund um die Stadt. Ein Starker floh, ein Stärkerer verfolgte ihn. Dreimal umkreisten sie Troia, und die Blicke der Himmlischen folgten dem schaurigen Schauspiel mit namenloser Spannung wie immer, wenn Menschentaten den Willen der Götter verwirklichen sollen.

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