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Wie die Griechen zur Heerfahrt rüsteten
und was sich in Aulis begab

ie Schreckensnachricht vom Raube der Helena ereilte den König Menelaos auf Pylos, wo er noch immer bei seinem Freunde, dem uralten Fürsten Nestor, weilte. Voll tiefer Empörung begab er sich sogleich nach Mykenai zu seinem Bruder Agamemnon, der dort mit seiner Gattin Klytaimnestra, einer Halbschwester Helenas, als König herrschte. Beide Brüder waren Söhne des Atreus, eines Enkels des Tantalos, also aus einem Geschlecht, das durch seine verruchten Taten bekannt war und durch den Fluch der Götter, der auf ihm lastete. Man nannte Agamemnon und Menelaos nach ihrem Vater Atreus die Atriden; neben Argos und Sparta gehorchten ihnen fast alle anderen Staaten der Peloponnes, und die Fürsten im übrigen Griechenland waren mit ihnen verbündet. Die Brüder bereisten das ganze Land und forderten alle Fürsten zu einem Rachefeldzug gegen Troia auf. "Paris hat das Völkerrecht verletzt und das Gastrecht mit Füßen getreten!" riefen sie allerorten. "Die Frauen Griechenlands sind kein Freiwild für Räuber! Wir werden dem Buben seine Beute schon entreißen und, wenn nötig, sein ganzes Volk für seine Untat züchtigen. Auf nach Aulis!" Agamemnon hatte nämlich die Hafenstadt Aulis zum Sammelort für die Truppen bestimmt. Überall schlug die Flamme der Empörung hoch, ganz Griechenland gehorchte der Aufforderung der Atriden. Nur zwei Fürsten hielten sich zunächst zurück. Der eine war der schlaue Odysseus von Ithaka. Er dachte: Was geht mich das treulose Weib des Spartanerkönigs an! Soll ich etwa Helenas wegen meine schöne junge Gemahlin Penelope und mein Söhnlein Telemachos verlassen? Niemals. Wenn sie mich holen kommen, so stelle ich mich einfach wahnsinnig - Narren kann man im Kriege nicht brauchen. Und wirklich, als Menelaos mit seinem Freunde Palamedes kam, um Odysseus zur Teilnahme am Feldzug zu bewegen, spannte der Schlaukopf einen Ochsen und einen Esel vor seinen Pflug und ackerte mit diesem ungleichen Paar sein Feld um. In die Furchen streute er dann statt des Samens Salz. Verwundert folgten die Helden vom Ackerrand aus dem sonderbaren Schauspiel, aber Palamedes ließ sich nicht täuschen. Er schlich heimlich in den Palast, hob das Söhnlein des Odysseus aus der Wiege und legte den Knaben in eine Furche, über welche der Heuchler gerade hinwegackern wollte. Da hob der Vater vorsichtig den Pflug hoch, um das Kind nicht zu verletzen, und im selben Augenblick schrien die beiden Helden laut auf. "So handelt kein Narr! Lass es sein, Odysseus, und schließe dich uns an, wir werden deiner Listen im Kampfe bedürfen." Lachend gab sich Odysseus geschlagen und versprach, mit zwölf bemannten Schiffen aus Ithaka und den Nachbarinseln am Zuge teilzunehmen. Mit dem zweiten Fürsten stand die Sache noch schlimmer, man kannte nicht einmal seinen Aufenthalt und musste ihn erst ausforschen. Es war der Held Achilleus, der herrliche Sohn des Peleus und der Meeresgöttin Thetis, ein Knabe noch. Aber Kalchas, der Seher der Griechen, hatte geweissagt: "Ohne diesen Knaben wird es den Griechen nicht gelingen, die ferne Stadt Troia, der der Untergang durch griechische Waffen bestimmt ist, zu Fall zu bringen!" Also musste man ihn finden.

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