1 / 2

Kreon und Theiresias

n Theben hatte Eteokles gemeinsam mit seinem Oheim Kreon alles zur Verteidigung vorbereitet; um die Tore und auf den Mauern wimmelte es von streitbaren Bürgern. Antigone und Ismene, die königlichen Schwestern, waren längst zurückgekehrt, von Heimat-liebe getrieben, und standen dem Bruder in der Stunde der Not nach Kräften bei. Sie verurteilten den Feldzug des Polyneikes, hofften aber insgeheim, die feindlichen Brüder versöhnen zu können. Das hochmütige Prahlen der Belagerer erfüllte die Thebaner mit banger Sorge, und Kreon rief den blinden Seher Teiresias vor sich, der schon Oidipus sein Schicksal geweissagt hatte. "Künde uns das Schicksal der Stadt", befahl Kreon. Lange schwieg der Greis. Endlich öffnete er die Lippen und sprach: "Schwer haben die Söhne sich gegen den Vater versündigt, schwere Trübsal lastet auf Theben. Fallen werden die Brüder, einer durch des anderen Hand. Nur eines rettet die Stadt vor dem Übermut des Feindes, doch dies eine ist so schrecklich, dass mein Mund es nicht aussprechen kann, darum wende ich mich von euch. Lebt wohl!" "Um unseres Heiles willen, rede!" rief Kreon. Er bedrängte, ja er bedrohte den Seher so heftig, dass dieser weitersprach. "So höre denn", sagte er streng, "doch zuvor befiehl deinem Sohne Menoikeus, der mich hier herführte und noch an meiner Seite steht, dass er auf der Stelle aus Theben fliehe und nie mehr in die Heimat zurückkehre!" "Warum das?" wunderte sich Kreon. "Menoikeus bleibe und höre, was der Vaterstadt frommt, er versteht zu schweigen." Da wandte Teiresias die erloschenen Augen in die Richtung, aus der ihm Kreons Stimme kam, und sagte feierlich: "So vernehme der unschuldige Knabe das grausame Urteil der Götter: Die Stadt wird gerettet werden, wenn der jüngste Enkel des Kadmos stirbt!" Empört fuhr Kreon auf: "Du forderst den Tod meines Kindes? Fort mit dir, falscher Greis, fort aus der Stadt, wir bedürfen deines Spruches nicht länger!" "Ist Wahrheit minder Wahrheit, wenn sie Leid bringt?" fragte der Alte ernst. Da stürzte Kreon vor ihm nieder und flehte ihn an, den Spruch zurückzunehmen. "Das steht nicht in Menschenhand", lautete die Antwort. "Wenn dieser kaum erblühte Jüngling sich opfert, wird Theben gerettet werden, anders nicht." Damit verließ Teiresias den verzweifelten Vater. Nun sprang Kreon auf und hieß den Knaben, den verfluchten Ort zu verlassen, so schnell ihn seine Füße trügen, und im Heiligtum des Zeus zu Dodona Schutz zu suchen. Menoikeus gehorchte zum Scheine und bat Kreon, alles Nötige für die Reise vorzubereiten. Doch während dies getan wurde, begab er sich auf die höchste Höhe der Stadtmauer, flehte zu den ewigen Göttern um Verzeihung dafür, dass er aus Liebe zu Theben den Vater getäuscht habe, dann verfluchte er das Heer der Feinde, das unter ihm die heiligen Tore umdrängte, zog seinen Dolch aus dem Gewand und bohrte ihn sich in den Hals. Sterbend stürzte er über die senkrechte Steinwand hinab in die Tiefe.

« zurück weiter »