1 / 2

Die feindlichen Brüder

he Oidipus, von seinen Töchtern innig betrauert, im heiligen Hain der Eumeniden bei Kolonos aus irdischen Dasein entrückt ward, verfluchte er seine Söhne Eteokles und Polyneikes ob ihrer Herrschsucht und Lieblosigkeit. Zu ewiger Zwietracht sollten sie verdammt sein, und der Vaterfluch erfüllte sich schaurig an ihnen. Eteokles verjagte seinen Bruder aus Theben, weil er allein über die Stadt gebieten wollte, und Polyneikes, der zu Ehren des Herakles einen Löwen im Schilde führte, suchte Zuflucht bei Adrastos, dem König von Argos. Dieser hatte einst einen Orakelspruch empfangen: er solle seine beiden Töchter mit einem Löwen und einem Eber vermählen, die ihm das Geschick ins Haus senden werde. Als nun Polyneikes vor Adrastos erschien, sah dieser die eine Hälfte des Orakels enträtselt und erfüllt. Die zweite sollte sich noch am selben Tage gleichfalls erfüllen: Tydeus, Sohn des Königs Oineus und Stiefbruder jenes Helden Meleagros, der den Kalydonischen Eber schlug, betrat den Palast zu Argos und bat Adrastos um Schutz; er musste eines Mordes wegen, den er begangen hatte, seine Heimat meiden. Als Helmzier trug er einen Eberkopf, zum Zeichen, dass er seinerzeit an der gefährlichen Jagd auf den riesigen Eber teilgenommen hatte. Da erhob sich der König und ordnete die Hochzeit seiner Töchter mit Polyneikes und Tydeus an. Adrastos aber wollte den beiden landflüchtigen Fürstensprößlingen nicht nur in Argos eine neue Heimat geben, sondern sie auch mit Waffengewalt wieder in ihren Erbstaaten einsetzen, und zwar zuerst den Sohn des Königs Oidipus, wobei ihm Tydeus, der Kalydonier, behilflich sein sollte. Da jedoch Theben sieben Tore hatte, die es zu stürmen galt, wollte man mit sieben Heerhaufen unter sieben Fürsten gegen die Stadt rücken.

« zurück weiter »