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Antigone

as sich nach dem grässlichen Fall der Brüder Eteokles und Polyneikes noch weiterhin zutrug, ist bald erzählt. Die Schlacht entbrannte erst recht aufs neue, alle Krieger wollten den Tod ihres Feldherrn rächen, die Angreifer wie die Verteidiger. In Strömen floss das Blut unter allen sieben Toren; endlich aber konnten die Thebaner unter schrecklichen eigenen Opfern das Feld behaupten, es war ein Feld der Leichen. Die noch lebten, entflohen, die Flüchtigen wurden unbarmherzig verfolgt und fast alle niedergemacht. Auch der tapfere Tydeus musste sterben, von der Lanze des Thebaners Melanippos getroffen, und der unglückliche Seher Amphiaraos kehrte, wie er es vorausgesehen hatte, gleichfalls nicht mehr zur lieben Heimat Argos zurück. Von dem Helden Periklymenos verfolgt, erreichte er mit seinem Kampfwagen das Ufer des Ismenos. Verzweifelt suchte er eine Furt. Schon hob der Verfolger den Wurfspieß - da erbarmte sich Zeus des frommen Mannes: ein Blitzschlag öffnete die Erde, und vor den Augen des erstaunten Feindes versank Amphiaraos samt Rossen, Wagen und Lenker in die klaffende Tiefe, die sich lautlos über ihm schloss. Er war zu den Inseln der Seligen entrückt worden und genoss fortan göttliche Ehren; man errichtete Altäre und opferte ihm. Seine Weissagung hatte sich in allem erfüllt: der Feldzug war gescheitert, das Heer völlig vernichtet. In Theben herrschte eitel Siegesjubel und Triumph. Doch bald mischte sich Empörung darein. Die Königswürde war nach dem Tode der Brüder an Kreon, den nächsten Stammesverwandten, gefallen, und der düstere Mann verbot bei Todesstrafe, dass man Polyneikes, den Vaterlandsverräter, in Theben bestatte. Für Eteokles aber befahl er ein prächtiges Begräbnis in der Stadt zu rüsten. So lag denn der Leichnam des Polyneikes außerhalb der Stadtmauer, dem Wind und dem Wetter preisgegeben, Raben und Hunden zum Fraß. Niemand wagte, ihn zu bestatten, da Kreon Wachen ausgestellt hatte. Und so irrte die Seele des Verstorbenen ruhelos klagend an den Grenzen des Schattenreiches umher und fand keinen Einlass ins Reich der Toten. Antigone aber hatte ihrem Bruder, als er in ihren Armen starb, ein ehrenvolles Begräbnis versprochen, darum trotzte sie dem Verbot ihres Oheims Kreon. Bei Nacht und Nebel verließ sie die Stadt, durchschritt das blutige Feld und häufte, bei dem toten Polyneikes angekommen, ein wenig Erde auf den Leichnam, gerade so viel, als nötig war, um die Götter der Unterwelt zu versöhnen und der irrenden Seele Ruhe zu verschaffen. Als die Wächter Kreons am anderen Tage sahen, was geschehen war, erschraken sie und wunderten sich. Sie streiften das Erdreich von der Leiche ab und holten Verstärkung. Um die Mittagszeit erhob sich plötzlich ein Wirbelsturm, der eine Wolke undurchdringlichen Staubes vor sich her trieb. In dieser Wolke sahen die Männer eine Jungfrau herankommen, die weinte, als sie den Leichnam wieder unbedeckt fand. Schluchzend bückte sich das Mädchen, füllte einen mitgebrachten Krug dreimal mit Staub und goss diesen dreimal über den Gefallenen. Da stürzten die Wachen herzu, packten die Jungfrau und erschraken sehr: denn es war Antigone. Dem Befehl getreu, schleppten sie sie vor den König.

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