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Entsühnung und Tod

o hatte Oidipus im Haine jener schaurigen Gottheiten, die sonst jeden Schuldigen unerbittlich verfolgen, seine Zuflucht gefunden. Ein tiefer Friede lag über den breiten, schattigen Baumwipfeln. Eines Tages aber wandelte sich Oidipus' Geschick. Da waren Himmel und Erde von Gewitterfinsternis erfüllt, da riss der Sturmwind die schweren Äste der Bäume hin und her, und Donnerschlag auf Donnerschlag erscholl vom Himmel und machte die dicken Stämme erbeben. Oidipus verstand diese Stimme und verlangte sehnlich nach Theseus. Große Angst hatte den blinden König befallen. Aber nicht vor dem Tode fürchtete er sich, sondern davor, dass ihn sein Gastfreund am Ende nicht mehr lebend und bei klaren Sinnen antreffen könnte. "Wie soll ich Theseus für alle seine Wohltaten den Dank abstatten, wenn uns des Todes eherne Pforte voneinander trennt?" rief er klagend. Beherzte Männer eilten nach Athen und verständigten den König. Endlich kam Theseus, und nun erhob sich Oidipus, ließ sich mit dem Antlitz gegen die Stadt in der Ferne wenden und sprach mit ausgebreiteten Händen seinen feierlichen Segen über sie: "Mögest du wachsen und gedeihen, blühen und glänzen wie keine andere neben dir! Solange es Menschen auf der Erde und Götter im Himmel gibt, soll dein Name nicht untergehen." Hierauf bat er den König, er möge ihn allein zu der Stelle begleiten, wo er, von keiner sterblichen Hand berührt und nur von Theseus gesehen, enden sollte. "Ich muss dem Heroldruf der Götter folgen", sagte er, während erneuter Donner sich erhob, "du aber, o König, verrate keinem Menschen, wo Oidipus die Erde verlassen hat. Bleibt das heilige Grab, das mich verschlingen wird, verborgen, so wird es eine stärkere Schutzwehr gegen alle Feinde Athens sein als Speer und Schild und Bundesgenossen." Seinen Töchtern und den Bewohnern von Kolonos erlaubte er dann, ihn eine Strecke weit zu begleiten, und so bewegte sich der kleine Zug schweigend immer tiefer hinein in die schauerlichen Schatten des Erinnyenhaines. Niemand durfte an Oidipus anstreifen, niemand ihn berühren. Der Blinde, der bisher keinen Schritt ohne die lenkende Hand Antigones tun konnte, schien auf einmal ein Sehender geworden zu sein. Wunderbar gestärkt und aufgerichtet ging er allen voran und zeigte ihnen den Weg zu dem ihm vom Schicksal bestimmten Ort. Mitten im Hain der Erinnyen befand sich ein Erdschlund. Der Boden war geborsten, und aus der Tiefe schimmerte eine eherne Schwelle herauf. Zu dieser Höhle führten mehrere Wege, die sternförmig auf sie zuliefen, und seit uralter Zeit ging die Sage, dass dieser Erdspalt einer der Eingänge in die Unterwelt sei. Einen dieser Wege betrat nun Oidipus, doch ließ er sich nicht von dem Zuge bis zur Grotte selbst begleiten, sondern hielt unter einem hohlen Baume an und setzte sich davor, die toten Augen zum Himmel gerichtet, auf ein Felsstück nieder.

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