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Die Sphinx

icht lange nachdem dies geschehen war, erschien vor den Toren der Stadt Theben in Boiotien die Sphinx: ein Ungeheuer mit dem Antlitz einer Jungfrau, dem Vorderleib eines Löwen, dem Hinterleib eines Stieres. Von den Schultern gingen Adlerschwingen aus. Dieses Schreckwesen war aus Ägypten gekommen und hatte sich auf einem Felsen vor der Stadt niedergelassen, wo es den Bewohnern von Theben allerlei Rätsel aufgab. Wer versuchte, sie zu lösen, es jedoch nicht vermochte, den zerriss das Ungeheuer und fraß ihn auf. So kam Jammer über die schwergeprüfte Stadt, die gerade um ihren König trauerte, um Laios, der von unbekannten Mördern auf der Reise erschlagen worden war, ohne dass jemand sich erklären konnte, warum. Nun führte Kreon, der Bruder der verwitweten Königin Iokaste, das Zepter. Als aber nach mancherlei bitteren Verlusten auch Kreons eigener Sohn in den Bann der Sphinx geriet und, da er ihr Rätsel nicht zu lösen vermochte, von ihren Löwenpranken zerrissen wurde, ließ der Fürst in seiner Not durch Herolde überall bekannt machen: "Wer die Stadt Theben von der abscheulichen Würgerin befreit, dem soll das gesamte Königreich und Iokaste als Gemahlin zuteil werden!" Eben als diese Bekanntmachung öffentlich verkündet wurde, betrat Oidipus an seinem Wanderstabe Theben. Die Gefahr und der Preis - beides reizten ihn; schlug er doch sein Leben, über welchem eine so grauenvolle Weissagung hing, nicht mehr hoch an. Er begab sich also unverzüglich zu dem Felsen, auf dem die Sphinx saß, und ließ sich von ihr ein Rätsel aufgeben. Das Ungeheuer wollte den kühnen Fremdling auf die härteste Probe stellen und unbedingt vernichten, also fragte sie ihn: "Nenne mir das Geschöpf, das am Morgen vierfüßig, des Mittags zweifüßig und am Abend dreifüßig einherschreitet. Von allen stimmbegabten Wesen ist es das einzige, das die Anzahl seiner Füße wechselt; aber gerade wenn es die meisten Füße bewegt, sind seine Kraft und Schnelligkeit am geringsten."

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