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Oidipus und Iokaste

ange Zeit schlief das grauenhafte Geheimnis, und Oidipus herrschte glücklich an Iokastes Seite. Theben liebte ihn, er war ein guter, ein gerechter König. Eines Tages aber schickten die Götter die Pest in das Land, grausig wütete die Seuche unter dem Volk, kein Mittel fruchtete dagegen. Die Thebaner erhofften in ihrer Not Hilfe von ihrem König. "Lasst uns zu ihm eilen", riefen Männer und Frauen, Greise und Kinder, "des Himmels Gunst schwebt über seinem Haupte, er muss uns helfen, muss uns retten!" Das Volk drängte zum Palast, voran die Priester mit Ölzweigen in den Händen, und bald wimmelte es rings um den Altar, der vor dem Königshause stand, und auf dessen Stufen von Menschen, die auf das Erscheinen ihres Gebieters warteten. Als Oidipus, von dem Lärm der Menge herausgerufen, aus seiner Burg trat und fragte, warum die ganze Stadt von Opferrauch und Klagelaut erfüllt sei, trat der älteste Priester, ein Mann mit schlohweißem Haar, heller schier als sein Gewand, vor ihn hin und sprach: "0 Herr, sieh unser Elend an! Weidetriften und Ackerfelder versengt unerträgliche Hitze, in unseren Häusern wütet die Pest: da fliehen wir zu dir, geliebter Herrscher, der du uns schon einmal von dem tödlichen Zins erlöstest, den die grimmige Rätselsängerin von uns forderte. Gewiss nicht ohne die Hilfe der Götter gelang dir der Sturz der schrecklichen Sphinx; so bauen wir auch diesmal auf dich und flehen dich an: Rette uns!" "Arme Kinder", entgegnete Oidipus, "ihr leidet, aber am meisten leide ich, euer König: auf meiner Seele lastet die Not der ganzen Stadt, und mein sinnender Geist, der keinen Schlaf findet, kann das rechte Hilfsmittel nicht erraten. So bleibt nur mehr die Hoffnung auf das Wort der Götter. Darum habe ich meinen Schwager Kreon nach Delphi entsandt: vielleicht verkündet ihm das Orakel, wodurch unsere Stadt von dieser Qual befreit werden könnte." Er hatte kaum zu Ende gesprochen, als Kreon, von seiner Reise zurückkehrend, die Stadt erreichte, sich einen Weg durch die Menge bahnte und nun vor allem Volk dem König mitteilte, was er in Delphi erfahren hatte. Es war kein tröstlicher Bescheid, den er brachte! "Auf Theben", so begann er, "lastet der ungesühnte Mord an König Laios als schwere Blutschuld! Der Frevler, der diese verruchte Tat beging, lebt mitten unter uns, und ehe wir ihn nicht aus dem Lande gejagt haben, wird die Pest nicht von uns weichen! Dies verkündete mir der Gott. Nun forscht nach dem Mörder und entfernt ihn, auf dass wir die Himmlischen wieder versöhnen." Tiefes Schweigen folgte diesen schrecklichen Worten, jedes Gemüt war bedrückt, jedes Auge blickte nach dem König, es war, als hinge eine düstere Wolke über allen Häuptern. Endlich erhob sich Oidipus und ließ sich die Ermordung des alten Königs erzählen. Er ahnte nicht, dass der Greis, den er in Notwehr erschlagen hatte, derselbe war, um dessentwillen sein Land und sein Volk so viel Pein erduldeten, und auch, als man ihm alles schilderte, blieb er noch immer wie mit Blindheit geschlagen. Er entließ das Volk und schickte Herolde durch ganz Theben, die mussten überall verkünden: "Wer etwas vom Mörder des Laios weiß, der zeige es an! Lohn und Dank sind ihm gewiss. Wer aber den Mörder kennt und schweigt, um ihn zu schonen, belädt sich mit gleicher Schuld und sei von allem Götterdienst, von allen Opfermählern, ja von jedem Umgange mit seinen Mitbürgern ausgeschlossen! Der Täter selbst sei für immer aus Theben verbannt, Not und Plage mögen ihn sein Lebtag verfolgen, und er verderbe im Elend! Dies widerfahre ihm, wer immer er sei, selbst wenn er am Herde des Königs verborgen lebt und mein eigen Fleisch und Blut ist!"

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