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Der blinde Bettler

inige Zeit später, als der Blinde sich ein wenig beruhigt hatte, entschloss er sich, seine armen Tage doch in der Heimat hinzubringen. "Wie sehr ich auch gegen Theben gefrevelt habe, den Frieden ihrer Erde wird mir die Stadt wohl nicht verwehren, wenn mich die Götter dereinst abberufen." Und so lebte er völlig zurückgezogen einige Zeit in einer abgelegenen Kammer des Palastes, wo niemand ihn besuchte, außer Antigone und Ismene. Doch Kreons Mitleid und Erbarmen währten nicht lange, und auch Eteokles und Polyneikes, die heranwuchsen, erwiesen sich nur zu bald als selbstsüchtige, harte Männer, die sich ihres unglücklichen Vaters schämten. Sie gaben ihm eines Tages ohne viele Worte den Bettelstab in die Hand und wiesen ihn aus der Stadt. "Dein eigener Spruch verbannt dich von hier!" sagten sie roh und kehrten ihm den Rücken. So musste Oidipus Theben verlassen. Antigone, die ältere Tochter, teilte mit ihm freiwillig das bittere Los der Verbannung, lenkte sorglich die Schritte des Blinden und schweifte mit ihm barfuss durch die wilden Wälder. Wie zart sie auch war, hielt sie doch bei Sonnenhitze und Regenguss auf der mühseligen Irrfahrt aus. Kamen sie durch ein Dorf, so bettelten sie an den Türen um ein Stück Brot, und während ihre Brüder daheim sich der besten Pflege erfreuten, war Antigone schon zufrieden und dankbar, wenn der Vater sich nicht hungrig dem Schlafe der Nacht überlassen musste. Ismene war im Palaste geblieben, um dort nach Kräften der Sache des Vaters zu dienen, gleichsam als Anwalt des Entfernten. Nur von Zeit zu Zeit suchte sie die Flüchtigen zu Pferde auf, um ihnen Botschaft aus der Heimat zu bringen und des Vaters Lebensmut zu stärken. So wanderte der jüngst noch verherrlichte Retter Thebens, einer der mächtigsten Herrscher, der so tiefe Rätsel erforscht, das furchtbare Rätsel seines eigenen Schicksals jedoch zu spät durchschaut hatte, fern seiner Heimat den Grenzen des Königreiches zu und über diese hinaus.

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