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Der Spruch des Apollon

aios, König von Theben, lebte mit seiner Gemahlin Iokaste, der Tochter eines vornehmen Thebaners, lange in kinderloser Ehe. Er wünschte sich aber nichts sehnlicher als einen Erben, deshalb Wallfahrtete er zum heiligen Orakel des Apollon nach Delphi und befragte den Gott. Aus dem Munde der welssagenden Priesterin wurde ihm folgender Spruch: "Laios, du begehrst Kindersegen. Wohl, er sei dir gewährt: du sollst einen Sohn bekommen. Doch wisse, dir ist das Schicksal verhängt, von der Hand deines eigenen Kindes zu sterben; so will es Zeus zur Sühne dafür, dass du einst dem König Pelops das Kind geraubt hast!" Laios war nämlich in seiner Jugend als Flüchtling in die Peloponnes gekommen und dort am Königshofe gastlich aufgenommen worden. Er hatte diese Wohltat jedoch mit Undank gelohnt und Chrysippos, König Pelops' schönen Sohn, heimlich entführt. Der unglückliche Vater hatte ihn darob verflucht, und die Frucht der Untat wie des Fluches war der schreckliche Orakelspruch. Lange Zeit lebte nun Laios, um der Erfüllung des Spruches zu entgehen, von seiner Gattin getrennt; aber die herzliche Liebe, welche die beiden miteinander verband, war am Ende doch stärker als die Warnung des Orakels; sie führte den König und die Königin wieder zusammen, und Iokaste gebar endlich einen Sohn. Eingedenk des düsteren Orakelspruchs, ließen sie dem neugeborenen Knäblein die zarten Füße zusammenbinden und durchstechen und befahlen einem Hirten, er solle es im wilden Kithairongebirge aussetzen. Der Mann hatte aber Mitleid mit dem unschuldigen Kindlein und übergab es einem anderen Hirten, der im Kithairon die Herden des Königs Polybos von Korinth hütete. Dann kehrte er wieder heim und stellte sich, als hätte er den Auftrag erfüllt. Laios und Iokaste atmeten auf. Sie sprachen zueinander: "Sicherlich wird das Kind verschmachten oder von wilden Tieren zerrissen werden, so kann sich das schreckliche Orakel nicht erfüllen. Und ist es auch ein Frevel, was wir getan, so wiegt er doch nur halb so schwer, weil wir den Knaben davor bewahrt haben, einmal ein Vatermörder zu werden." So beruhigten sie ihr Gewissen und lebten erleichterten Herzens weiter.

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