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Iason gewinnt das Widderfell

n König Aietes' Seele fraß zehrender Ärger. Er hatte sich nach dem Sieg Iasons wortlos abgewandt und war finster blickend in die Stadt zurückgekehrt. Dort saß er nun in seinem Palaste und sann mit den Vornehmsten seines Volkes darüber nach, wie er den fremden Helden überlisten und die Argonauten um den Gewinn des Goldenen Vlieses bringen konnte. Er ahnte wohl, dass bei dem Gelingen von Jasons furchtbarem Abenteuer seine Tochter Medeia die Hand mit im Spiele gehabt haben musste. Hera, die Göttin, erkannte die Gefahr, in welcher Iason schwebte. Also erfüllte sie das Herz Medeias, die schlaflos in ihrem Bette saß, mit bebender Furcht. Sie zitterte wie ein Reh, das der Jagdhunde Gebell im tiefen Walde aufgeschreckt hat und das nun aus Angst vor den Verfolgern entfliehen möchte, aber noch nicht weiß, wohin. "Wie, wenn meine Mägde das Gespräch im Tempel belauscht haben?" fragte sie sich. "Wie, wenn sie aus Zorn über meinen Betrug dem Vater Sagen, dass ich Iason liebe? Entsetzlich!" So jammerte sie, und ihre Augen brannten vor Tränen. Wie in Trauer ließ sie ihr dichtes Haar ungeflochten hängen, und es fehlte nicht viel, so hätte sie ihrem Leben durch Gift ein Ende gemacht. Schon hielt sie die mit dem tödlichen Trank gefüllte Schale in der Hand, schon führte sie sie an die Lippen, da stärkte Hera, deren Gegenwart das Zimmer mit ambrosischem Duft erfüllte, ihr Herz, beflügelte aufs neue ihren Mut, so dass Medeia das Gift wieder in den Behälter goss und die Schale beiseite stellte. All ihre Gedanken waren verwandelt; sie raffte sich zusammen, sie war entschlossen zu fliehen. Noch einmal berührte sie mit streichelnden Händen die Wände des Gemachs, bedeckte ihr Lager und die Türpfosten mit tausend Abschiedsküssen; dann schnitt sie sich eine Haarlocke ab und legte sie zum Andenken für ihre Mutter aufs Bett. "Leb wohl, geliebte Mutter", sprach sie, "leb wohl, Schwester Chalkiope, leb wohl, du liebvertrautes Haus, das meiner Kindheit Schritte behütete, des Mädchens Träume umschloss und die nächtlichen Gesichte der Priesterin - leb wohl, leb wohl! O Fremdling, hätte dich doch das Meer verschlungen, ehe du nach Kolchis fandest!

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