1 / 3

Iason und Medeia

ie ganze folgende Nacht lag Medeia in schwerem Kampfe mit sich selbst. "Habe ich nicht zuviel versprochen?" fragte sie sich. "Darf ich so viel für den Fremdling tun, ich, die Priesterin? Wird Hekate sich an mir rächen, weil mein Herz nun nicht mehr ihr allein gehört, sondern jenem Helden, der von ferne kam, um das Kostbarste zu rauben, was das Kolcherreich birgt, das Vlies? Und dennoch will ich ihn retten, ihn, dessen Anblick mein Herz zum erstenmal mit Liebeswonne erfüllt hat! Er bestehe den Kampf und gehe dann in Freiheit, wohin es ihn treibt - ich aber will Gift nehmen und mich selbst Hekate opfern, der Göttin der Nacht, als Sühne dafür, dass ich zugunsten des Fremdlings missbrauchte, was ich im Dienste des Tempels gelernt. . . Aber wird man mich nicht trotzdem noch im Tode verfluchen? Wird man nicht meiner spotten und sagen: Die treulose Priesterin Medeia ist aus Liebe zu einem fremden Manne gestorben?" So wälzte sie sich ruhelos auf ihrem Lager hin und her, und als die Sterne zu erblassen begannen und sie endlich in Schlaf sank, schreckten sie böse Träume, in denen sie selbst den Kampf mit den Stieren des Vaters bestehen sollte. Mit einem gellenden Schrei erwachte sie - aber da lag die Welt von Sonne beschienen und dünkte sie so schön, dass alle Todesgedanken wichen wie die Schatten der Nacht und ihre Liebe zu Iason sie schnell vom Lager und in den Tempel trieb. Sie band ihr blondes Haar auf, wischte die Tränen von den Wangen, salbte sich den Leib mit köstlichem Nektaröl und zog ein herrliches Gewand an, das schön gekrümmte Goldnadeln zusammenhielten. Einen weißen Schleier zog sie über ihr Haupt, dann eilte sie aus dem Haus und bestieg den Wagen mit den Maultieren, der sie zum Heiligtum bringen sollte. Alle Schmerzen, aller Kummer der Nacht waren vergessen. In der Hand trug sie eine goldene Kapsel voll Prometheusöl. Wer damit seinen Leib salbte, nachdem er Hekate, die Göttin der Erdennatur, des Mondes und der Nacht, angefleht, den konnte an jenem Tage kein Schwertstreich verwunden, kein Feuer versengen, kein Gegner überwältigen, er blieb jedem überlegen. Das Öl war aus dem schwarzen Saft einer Wurzel bereitet, die aus dem Blute emporkeimte, welches von der zerfressenen Leber des Titanensohnes auf die Heide des Kaukasusgebirges hinabträufelte. Medeia hatte den Saft dieser Pflanze selbst in einer Muschel aufgefangen und in ihrem Zauberkästchen in der goldenen Kapsel verwahrt.

« zurück weiter »