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Die Fahrt ins Kolcherland

ustig fuhren die Argonauten an den Vorgebirgen und Inseln vorbei und warfen nach mancherlei Abenteuern auf Lemnos und im Lande der friedliebenden Dolionen Anker vor der Stadt Kios in einem Meerbusen Bithyniens. Hier widerfuhr dem Herakles ein arges Missgeschick, das ihn von den Argonauten trennte. Der Held war mit seinem Ruder unzufrieden und wollte sich ein besseres schnitzen. Also ging er, während die Genossen am Ufer ihr Mahl verzehrten, in den Wald und suchte nach einer schlanken, festen Tanne, aus der er sich das Gerät verfertigen wollte. Er hatte auch bald eine gefunden, streifte sein Löwenfell ab, legte Bogen und Keule nieder und riss den Baum samt den Wurzeln aus der Erde. Inzwischen hatte sich Hylas, ein Waisenknabe, den er sich zum Diener und Freund erzogen, mit einem Kruge von den Schiff fern entfernt, um Wasser für seinen Herrn zu holen. Es war Abend, der Vollmond schien. Und als sich der schöne Knabe nun über die Quelle beugte, um zu schöpfen, erblickte ihn die Quellnymphe und zog ihn, von seiner Schönheit betört, zu sich hinab in die kristaliene Tiefe, von wo keiner mehr zurückkehrt. Einer der Argonauten, der unweit der Quelle im Wald auf einem Felsstück sitzend die Rückkehr des Herakles erwartete, hörte den Hilfeschrei des Knaben. Er stürzte zur Quelle hin, aber da stand nur mehr der mit eiskaltem Wasser gefüllte Krug, von dem schönen Knaben war nichts mehr zu sehen. Als bald darauf Herakles des Weges kam, trat ihm der Gefährte verzweifelt entgegen und rief: "Weh mir, muss ich der erste sein, der dir die unselige Kunde bringt? Dein Hylas ist zur Quelle Wasser holen gegangen und nicht mehr zurückgekehrt. Ob ihn Räuber entführt oder wilde Tiere zerrissen haben, ich weiß es nicht. Ich hörte noch seinen Hilferuf, doch fand ich nichts mehr von ihm, nur den Krug." Da warf Herakles die Tanne zu Boden und rannte wie ein Stier, den eine Bremse gestochen hat, mit durchdringenden Rufen ins Dickicht zurück, den geliebten Knaben zu suchen. Die Genossen sahen den Heiden nie wieder, ruhelos trieb ihn sein Schmerz immer tiefer in die Schluchten des wilden Gebirges hinein. Untröstlich verharrten die Argonauten, stumm und tatenlos saß selbst Iason im Schiff. Da schäumte plötzlich das Meer auf, und aus den Wogen tauchte Glaukos, ein Meergott. "Ihr Helden", rief er, "was grämt euch? Was sitzt ihr so untätig, indes die blaue Nacht verrinnt und der nahende Sonnenwagen schon wieder die Wellen vergoldet? Den Hylas hat eine liebende Nymphe in den Quell gezogen, er kehrt nicht wieder. Lasst Herakles seiner Wege gehen, Zeus hat ihm ein anderes Schicksal zugedacht als euch, darum wartet nicht länger auf ihn, sondern setzt die Fahrt zum Goldenen Vlies ohne ihn fort!" So sprach der Meergott und verschwand. Iason gehorchte, befahl den Genossen, die Segel zu hissen, die Ruder zu ergreifen und die Taue zu lösen, worauf ein starker Morgenwind die herrliche "Argo" aus der Bucht hinaustrug.

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