1 / 3

König Aietes

ie Nacht verstrich. Am anderen Morgen, der sich golden über Land und Meer erhob, trat Argos vor Iason hin und sprach: "Wenn du meinem Rate traust, edler Fürst, so lasse deine Männer hier im Schiff, die blanke Waffe in der Hand, und begib dich mit meinen Brüdern und mir, nur begleitet von zweien deiner Gefährten, in den Palast des Königs. Ich werde ihn bitten, euch das Vlies in Güte zu überlassen. Er wird unsere Bitte zwar abweisen, denn er ist stolz und stark, aber wir werden doch aus seinem eigenen Munde erfahren, wie er über die Sache denkt und wie wir uns weiter verhalten müssen." Iason fand diesen Rat klug und beschloss, ihn zu befolgen. Er ließ sich einen goldenen Stab reichen, an welchem sich zwei Schlangen, aus dem gleichen Metall gebildet und mit Rubinen und Smaragden verziert, emporwanden; dieser glich dem Stab des Götterboten Hermes, und wer ihn trug, der gab damit zu verstehen, dass er in friedlicher Absicht kam. Nun rief Iason seine Genossen Telamon und Augias, den König von Elis, zu sich und verließ mit ihnen und den Söhnen des Phrixos das Flussufer, um sich zu König Aietes zu begeben. Die Helden wurden von Chalkiope, der Mutter des Argos und Witwe des Phrixos, mit großer Freude, ja mit Jubel empfangen; doch auf niemanden machten Iasons königliche Gestalt und strahlendes Wesen so tiefen Eindruck wie auf Medeia, die jüngere Tochter des Königs Aietes. Medeia war sonst selten im Hause zu sehen, sie verbrachte fast alle ihre Zeit im Tempel der dreigestaltigen Hekate, deren Priesterin sie war. Jetzt aber hatte Hera, die Schutzgöttin der Griechenhelden, sie auf geheimnisvolle Weise bewogen, im Palast des Vaters zu verweilen. Als Medeia Iason erblickte und ihm ins Auge sah, tat sie einen lauten Schrei. Von allen Anwesenden unbemerkt, hatte sich der Liebesgott hinter Iason niedergekauert und von seinem goldenen Bogen einen schmerzbringenden Pfeil auf die Königstochter abgeschnellt, der sie unter der linken Brust getroffen hatte und dort wie eine Flamme brannte. Wie eine Schwerkranke atmete sie ein ums andere Mal hoch auf, und sooft sie einen Blick auf Iason warf, wechselten Blässe und Purpurröte auf ihrem Antlitz. Sie vergaß alles und alle um sich her, nur ein einziger, süßer Gedanke beherrschte sie, der hieß: Iason. Wortkarg empfing König Aietes die Fremdlinge, und misstrauisch blickte er beim Mahl von einem zum anderen. "Wer sind die Männer", fragte er heimlich seinen Enkel Argos, der neben ihm an der Tafel 'aß, "und was wollen sie hier im Kolcherland?" "Sie sind gekommen, dich um das Goldene Vlies unseres Vaters Phrixos zu bitten", flüsterte Argos ihm zu. "Ein griechischer König, der sie gerne aus dem Vaterland entfernen und ins Verderben schicken wollte, hat ihnen diesen Auftrag erteilt. Pallas Athene hat ihnen geholfen, ein prächtiges Schiff zu bauen, das allen Stürmen trotzt. Unaufhörlich sitzen die Helden an den Rudern, solange es auf See ist. Ihr vornehmster ist Iason, ein Königssohn aus Iolkos - du siehst ihn dort. Die beiden anderen sind Telamon und Augias, zwei seiner Gefährten, und beim Schiff unten sind noch Orpheus, der Sänger, und Peleus, ein Enkel des weisen Kentauren Cheiron, und manch anderer herrlicher Griechensohn." Und er nannte dem Großvater die Namen fast aller Argonauten und meldete ihm deren Abkunft und Taten.

« zurück weiter »