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König von Athen

achdem Theseus seinen Vater, dessen Leichnam die Wellen ans Ufer getragen hatten, bestattet und lange betrauert hatte, weihte er das Schiff, mit welchem er und die attischen Jünglinge und Jungfrauen abgefahren und gerettet wiedergekommen waren, dem Apollon. Es war ein Fahrzeug zu dreißig Rudern. Die Athener bewahrten es zum ewigen Angedenken an die Erlösung vom Tribute des Minos auf, indem sie das morschende Holz der Planken immer wieder durch neues ersetzten, so dass dieser heilige Überrest alter Heldenzeit noch geraume Weile nach Alexanders des Großen Tod den Freunden des Altertums gezeigt werden konnte. Theseus, der jetzt König geworden war, bewies bald, dass er nicht nur ein Kampfesheld war, sondern auch verstand, einen Staat einzurichten, durch besonnene Gesetze zu lenken und ein Volk im Frieden zu beglücken. Seit er den Minotauros im Labyrinth erschlagen hatte, konnte nichts von alledem, was unsere niedrigen Sinne erregt, seinen wachen Geist anfechten, und am Faden seiner klaren Erkenntnis fand er stets einen Ausweg selbst aus den verworrensten Dingen. Hierin, dass er nicht nur ein unerschrockener Streiter war, sondern auch ein weiser Staatsmann wurde, übertraf er selbst sein Vorbild Herakles. Das Werk, das er unternahm, war bewundernswürdig. Vor seiner Regierung wohnten die meisten Einwohner Attikas zerstreut um die Burg und die kleine Stadt von Athen herum, auf einzelnen Bauernhöfen und in weilerartigen Dörfern. Man konnte sie deshalb nur unter Schwierigkeiten zusammenrufen, um mit ihnen über die Fragen des allgemeinen Wohles zu ratschlagen. Außerdem kamen sie durch ihr verstreutes, eigenbrötlerisches Siedeln und rechthaberisches Wesen oft um kleinliche Dinge und geringfügige Werte miteinander in heftigsten Streit. Darum vereinigte Theseus alle Bürger des attischen Gebietes in einem großen Stadtstaat und schuf so aus zerstreuten, einander befehdenden Wohnplätzen ein echtes Gemeinwesen, in welchem der Nachbar sich mit dem Nachbar vertrug. Aber nicht durch Gewalt brachte Theseus dies zustande; er war kein Tyrann, sondern reiste von Gemeinde zu Gemeinde, von Hof zu Hof und suchte die freiwillige Zustimmung der dort hausenden Geschlechter zu erlangen. Die Armen und Niedrigen gewann er für sein Unternehmen leicht, sie konnten durch das Zusammenleben und Zusammenwirken mit den Vermögenderen ja nur gewinnen; den Mächtigen und Reichen aber versprach Theseus, dass er seine Königsgewalt freiwillig einschränken wolle - denn bisher hatten die Könige unumschränkt und nach Willkür über Athen geherrscht - ‚ und sicherte ihnen eine vollkommen freie Verfassung zu. "Ich selbst", so sprach er, "will nur euer Anführer im Kriege sein und der Beschützer unserer gemeinsamen Gesetze. Im übrigen sollen alle meine Mitbürger gleiche Rechte bei gleichen Pflichten haben."

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