1 / 2

Die Hochzeit des Peirithoos

it dem Aufbau des athenischen Staates und der Vertreibung der rachegierigen Amazonen hatte Theseus die Reihe seiner Taten jedoch noch keineswegs abgeschlossen. Peirithoos, ein berühmter Held und Waffenbruder des Theseus, hatte die thessalische Fürstentochter Hippodameia gefreit und lud Theseus zur Hochzeit ein. Die Braut entstammte dem Geschlechte der Lapithen, das waren rohe Bergmenschen von gewaltiger Gestalt. Sie lebten in den Wäldern Thessaliens und verstanden sich wie kein anderer Stamm auf die Pferdezucht. Die Kentauren waren ihre Todfeinde. Hippodameia hatte jedoch mit den Männern und Frauen dieses Bergvolkes keinerlei Ähnlichkeit. Sie war holdselig von Gestalt, zart von Angesicht, jungfräulich von Sitten und so schön, dass alle Gäste den Peirithoos um ihretwillen glücklich priesen. Alle Fürsten Thessaliens waren zum Fest geladen und auch erschienen, selbst die Kentauren, halb Ross, halb Mensch, mit welchen der Held Peirithoos verwandt war. Diese Verwandtschaft bewog sie auch, ihren beständigen Groll gegen die Lapithen für die Dauer des Festes zu begraben und die reizende Braut mitzufeiern. Die festliche Hoftafel im Palaste des Peirithoos erscholl von frohem Lärm. Brautlieder wurden gesungen, und der Wohlgeruch der Speisen und des schweren Weines erfüllte alle Gemächer. An geordneten Tischen saßen Lapithen und Kentauren in buntgemengten Reihen unter dem kühlenden Schatten gewölbter Baumgrotten. Lange rauschte das Fest in ungestörter Fröhlichkeit dahin. Plötzlich aber begann, vom vielen Weingenuss aufgeregt, das Herz des Eurytion, eines der wildesten Kentauren, zu rasen. Vom Anblick der schönen Hippodameia verführt, fasste er den tollen Gedanken, dem Bräutigam die Braut zu rauben. Niemand wusste, wie es gekommen war, niemand hatte den Beginn der unsinnigen Tat bemerkt; aber auf einmal sahen die Gäste den wütenden Eurytion, wie er die sich sträubende und um Hilfe rufende Hippodameia an den Haaren über den Boden schleifte. Das war für die weinerhitzten Kentauren ein Zeichen, es ihrem wahnwitzigen Bruder nachzumachen, und ehe die fremden Helden und die Lapithen sich von ihren Sitzen erhoben hatten, hielt schon jeder der Halbmenschen eines der thessalischen Mädchen, die am Hofe des Peirithoos dienten oder als Gäste bei der Hochzeit weilten, mit rohen Händen als Beute gefasst. Bald ging es in der Hofburg und den angrenzenden Gärten zu wie in einer eroberten Stadt, und das Geschrei der Weiber hallte durch das weite Haus. Schnell sprangen die Freunde und Verwandten der Braut auf, und Theseus rief dem Eurytion zu: "Du Rasender! Welche Verblendung treibt dich, den Peirithoos, meinen Freund, so zu reizen, während ich noch lebe? Zwei Helden kränkst du in einem!" Damit stürzte er auf den tobenden Räuber los und entriss ihm seine holde Beute. Eurytion versetzte dem Helden wortlos einen Schlag vor die Brust; da ergriff Theseus, der keine andere Waffe zur Hand hatte - es war ja ein friedliches Fest! - einen erzenen Weinkrug von erhabener Arbeit und schmetterte ihn dem Gegner mitten ins Antlitz, dass er hintüber sank und rücklings in den Sand fiel; Gehirn und Blut drangen zugleich aus der furchtbaren Kopfwunde.

« zurück weiter »