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Des Helden Geburt und Ausfahrt

önig Aigeus von Athen lebte in kinderloser Ehe. Er war darüber sehr betrübt, denn er wünschte sich einen Sohn als Nachfolger. Während er nun wieder einmal nachsann, was er tun solle, erreichte ihn ein Spruch des delphischen Apollon: "Begib dich nach Troizen zu König Pittheus, er ist mit großer Weisheit gesegnet und wird dir helfen!" Aigeus gehorchte und suchte Pittheus auf. - Dies geschah etwa zwanzig Jahre vor Jasons Argonautenzug nach Kolchis zum Goldenen Vlies. Pittheus hieß den Gastfreund herzlich willkommen, und als sie allein beim Mahle saßen, vertraute Aigeus dem König seine Not an. "Von Meta, meinem angetrauten Weibe, erhalte ich keine Nachkommenschaft, ich bin ohne Erben", sprach er. "Mein Bruder Pallas aber hat fünfzig Söhne, die mich, den Kinderlosen, verachten und mir feind sind. Sie werden nach meinem Tode über mein Reich herfallen und Athen in Stücke reißen. Um dies zu verhindern, erwäge ich den Gedanken, heimlich eine andere Frau zu heiraten; vielleicht segnen die Götter sie, und sie gebiert mir den Sohn, den ich so heiß ersehne." Pittheus horchte auf: Auch ihn hatte ein Orakelspruch aus Delphi erreicht und ihm verkündet, seine Tochter Aithra werde ein heimliches Ehebündnis eingehen und einen berühmten Sohn gebären. Also sprach er zu Aigeus: "Höre, Freund, ein Orakel wies dich zu mir - ein anderer dunkler Spruch drängt mich jetzt, dir zu helfen. Ich habe eine Tochter, Aithra mit Namen. Sie war dem Helden Bellerophontes versprochen; dieser aber, des Brudermordes schuldig, floh aus dem Lande. Seit damals harrt die Braut eines neuen Freiers. Ich will sie dir zum Weibe geben, heimlich, wie du es wünschest; mögen die Götter eure Liebe segnen!" So kam es, dass Aigeus sich im Hause des Gastfreundes mit Aithra, der schönen Königstochter, verheiratete, obwohl er doch schon daheim vermählt war, und einige Zeit in Troizen blieb. Dann aber rief ihn seine Herrscherpflicht wieder zurück nach Athen, und er nahm am Meeresufer Abschied von Aithra. "Siehe", sprach er zu ihr, "hier sind meine Sandalen und mein Schwert, die werde ich hier unter dem schwersten Felsstück verbergen. Sind uns die Götter hold und gewähren sie dir einen Sohn, so ziehe ihn heimlich auf und sage keinem Menschen, wer sein Vater ist! Wächst er heran und findest du ihn so stark, dass er das Felsstück von der Stelle wälzen kann, so führe ihn an den Strand und zeige ihm den Stein. Da mag er sich Schwert und Schuhe hervorholen und zu mir nach Athen wandern. Ihm darfst du dann verkünden, wer sein Vater sei und warum ich den verbotenen Bund mit dir einging. Nicht aus verliebtem Leichtsinn tat ich's, sondern einzig, um meinem Haus und Land die Stütze zu verschaffen, deren sie in diesen schlimmen Zeiten bedürfen. Leb wohl!" Damit schwang sich König Aigeus zu seinen Ruderknechten ins harrende Schiff und fuhr zurück nach Athen.

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