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Die Fahrt nach Kreta

m diese Zeit kamen von der Insel Kreta zum drittenmal Abgeordnete des Königs Minos nach Athen, um den gebräuchlichen Tribut einzufordern. Es handelte sich aber nicht etwa um Gold oder Vieh, das die Athener den Kretern zu zinsen gehabt hätten, nein, die Boten verlangten sieben Jünglinge und sieben Jungfrauen aus der Stadt, die dem Tode geweiht sein sollten. Die Sache verhielt sich so: Des Königs Minos Sohn Androgeos war eines Tages auf attischem Gebiet hinterlistig getötet worden, wofür der Vater mit Heeresmacht in Attika eingebrochen war; gleichzeitig hatten die zürnenden Götter das Land durch Dürre und Seuchen verwüstet. In ihrer Verzweiflung flehten die Athener zum delphischen Apollon um ein Zeichen, und der Gott ließ ihnen durch den Mund seiner Priesterinnen sagen: "Sendet zu König Minos und trachtet seine Verzeihung zu erlangen, so wird sich der Zorn der Götter legen." Nun wandten sich die Bürger mit Bitten an den König der Insel und erlangten auch seine Verzeihung, jedoch unter einer furchtbaren Bedingung: Athen musste alle neun Jahre sieben Jünglinge und sieben Mädchen nach Kreta entsenden, wo man sie in das berühmte Labyrinth des Königs einsperrte. Der grässliche Minotauros, ein Zwittergeschöpf, halb Mensch, halb Stier, das in dem Labyrinth hauste, soll sie alle dort getötet haben. Und nun standen die düsteren Boten des Minos zum drittenmal in der Stadt und warteten auf die Auslosung der Opfer. Da empörten sich die Väter, welche unverheiratete Söhne und Töchter hatten, gegen König Aigeus, und mit ihnen das ganze Volk. Heftig tadelten sie den Herrscher: "Du bist der Urheber dieses Unheils! Du hast die unmenschliche Bedingung des Kreterkönigs angenommen, aber selber gelitten hast du noch nie unter ihr! Einen dahergelaufenen Bastard aus Troizen hast du an Sohnes Statt angenommen, jetzt hättest du Gelegenheit, dein Teil an der Strafe auf dich zu nehmen - aber freilich, es ist bequemer, zuzusehen, wie wir unsere rechtmäßigen Kinder hingeben müssen, indes dein Theseus sich ungestört im Scheine deiner Krone sonnt!" Da erhob sich der junge Held in der Volksversammlung und sprach mit fester Stimme: "Athener! Ich bin gewohnt, das Geschick meiner Mitbürger nicht als ein fremdes zu betrachten. Um so tiefer schmerzen mich eure Klagen, und um so freudiger erkläre ich, dass ich mich freiwillig, ohne Los, selber dem Kreterkönig als Sühneopfer hingebe. Ich werde die Jünglinge und Jungfrauen begleiten als einer der Ihren!"

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