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Die siebente bis zehnte Arbeit

önig Minos, der Beherrscher der Insel Kreta, wollte einst dem Poseidon ein Opfer bringen und sprach: "Ich habe kein Tier, das würdig wäre, einem so hohen Gotte dargebracht zu werden, darum will ich dem Meeresgott opfern, was zuerst aus der Flut auftauchen wird." Poseidon gefiel dieses Gelübde, und so ließ er denn gleich einen wundervollen Stier aus dem Meere auftauchen. Das schöne, kraftstrotzende Tier stieg ans Land, aber seine herrliche Gestalt berückte Minos so sehr, dass er es unter seine Herde steckte und dem Poseidon einen anderen, weniger schönen Stier opferte. Darüber geriet der Flutengott in Zorn und strafte den betrügerischen König, indem er den Stier aus dem Meere rasend machte, so dass dieser mit Hörnern und Hufen entsetzliche Verwüstungen auf der Insel Kreta anrichtete. Diesen kretensischen Stier zu bändigen und vor Eurystheus zu bringen, war die siebente Arbeit, welche Herakles leisten musste. Als der Held vor Minos erschien und ihm sagte, weshalb er gekommen sei, war dieser nicht wenig erfreut, den Verderber der Insel auf diese Weise endlich loszuwerden. Ja er half sogar dem Halbgott persönlich, den Stier einzufangen, und Herakles' Heldenkraft bändigte den Rasenden so gründlich, dass dieser seinen Bezwinger fromm und geduldig die ganze weite Seestrecke bis nach Mykenai schwimmend auf dem Rücken trug. So ersparte es sich Herakles, mit dem Schiff zu fahren: er ritt über die Wellen heim. Eurystheus war mit der Arbeit zufrieden, ließ jedoch den Stier sofort wieder frei, und als dieser merkte, dass er nicht mehr unter dem Banne des Herakles stand, verfiel er wieder in seine Raserei, durchirrte ganz Lakonien und Arkadien, streifte über den Isthmos - die Landenge von Korinth - nach Marathon in Attika und verwüstete hier das Land wie vordem auf der Insel Kreta. Doch da war niemand, der kam, ihn zu bändigen, und erst dem Helden Theseus gelang es später, ihn zu bemeistern. Athene aber grüßte Herakles, als er auf dem Rücken des Stieres landete, mit hellem Ruf: "Heil dir, Herakles, dein Sieg über den rasenden Stier hat dir neue Freiheit errungen! Frei bist du von den Banden der Sippe und des Volkes! Nicht mehr schöpfst du die Kraft für deine folgenden Kämpfe und Siege aus dem Blute der Ahnen, das deinen Leib mit Macht durchpulst, sondern einzig und allein aus dir selbst, aus deiner eigenen, allzeit wachen Seele!" Lange ruhte das Auge der Göttin wohlgefällig auf dem Helden, und sein Blick hielt dem ihrigen stand. Als achte Arbeit trug nun der Vetter dem Herakles auf, die Stuten des Diomedes nach Mykenai zu bringen. Diomedes war König der Bistonen, eines sehr kriegerischen Volkes in Thrakien, und besaß einen Stall voll Stuten, die so wild und stark waren, dass man sie mit eisernen Ketten an eherne Krippen binden musste, Stricke und Holz hätten sie zerbissen und zernagt. Ihr Futter war weder Hafer noch Heu, sondern das Fleisch der Fremdlinge, die unglückseligerweise in die Hauptstadt kamen, wo man sie sogleich fing und den Stuten zum Fraße vorwarf. Als Herakles ankam, war sein erstes, dass er die Wächter bei den Krippen überwältigte, den unmenschlichen König selber packte und ihn seinen eigenen Stuten vorwarf, die ihn zerrissen und auffraßen. Durch diese Speise wurden die Tiere zahm, so dass Herakles sie ohne Mühe hinwegtreiben konnte.

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