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Die letzten beiden Arbeiten

etzt hatte Herakles zehn Arbeiten vollbracht, und er wäre demnach von der Fron des Eurystheus befreit gewesen. Weil aber der König zwei seiner Taten nicht gelten ließ - die Reinigung des Augeiasstalles und noch eine andere, die er nicht nannte -, musste Herakles noch zweimal auf Heldenfahrt ziehen, ehe er entlassen wurde. Worin bestand nun die elfte Arbeit? - Einst, als bei der Vermählung des Zeus mit der Göttermutter Hera alle Himmlischen dem erhabenen Paar ihre Hochzeitsgeschenke darbrachten, wollte auch Gaia, die Erde, nicht fehlen, und sie ließ aus ihrem göttlichen Schoß am Westgestade des großen Meeres, unweit der Stelle, wo später Herakles die beiden Säulen an der Meerenge errichtete, einen ästereichen Baum voll goldener Äpfel hervorwachsen. Vier Jungfrauen, Töchter der Nacht und des Riesen Atlas, eines Sohnes des Titanen lapetos, hüteten den heiligen Garten, in welchem der Baum stand; sie wurden Hesperiden genannt nach Hesperos, einem Bruder des Atlas. Manche Seher verkündeten, dieser habe eine Tochter mit Namen Hesperie gehabt, und sie sei die Mutter der vier heiligen Wärterinnen gewesen, so dass Hesperos gleichzeitig als Schwiegervater seines eigenen Bruders galt. Außer den Hesperiden war aber auch noch ein hundertköpfiger Drache bestellt, den Baum zu hüten, von dessen Früchten nur die Götter kosten durften. Kein Schlaf schloss je die Augen dieses Drachen, und ein fürchterliches Gezisch verkündete seine Nähe; aus jeder seiner hundert Kehlen kam eine andere Stimme. Diesem Ungeheuer drei der goldenen Äpfel zu entreißen, hatte Eurystheus dem Herakles befohlen. Der Halbgott brach diesmal allein auf. Vom alten Strom- und Meergott Nereus erfragte er die Weitgegend, wo er die goldenen Äpfel finden konnte, gelangte aber erst nach großen Umwegen über Libyen, Ägypten und den Kaukasus, wo er den angeschmiedeten Titanen Prometheus von seinem Felsen befreite, dorthin. Prometheus hatte ihm genauer erzählt, wo sich der Garten der Hesperiden befand, und ihm einen weisen Rat mit auf den Weg gegeben: "Merk auf, Herakles! Dort, wo am Ende der Welt auf ragendem Gebirge Afrikas der Riese Atlas steht, dessen Nacken die Last de3 Himmelsgewölbes trägt, dort triffst du auch den heiligen Garten, dicht daneben. Schweigend umwandeln ihn die vier Hüterinnen, grausig zischend äugt der Drache mit seinen hundert Häuptern bald ins Gezweig, ob auch kein Unbefugter die Äpfel berühre, bald ringsum, ob auch kein Räuber den Grenzen des Gartens nahe. Darum rate ich dir, greif nicht selbst nach den Äpfeln, es möchte dir schlimm ergehen, sondern schicke den Atlas für dich zu dem Baume, ihm wird der Fang wohl gelingen."

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