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Kindheit und Jugend

ie Geburt des Helden Herakles stand im Zeichen eines großen Wunders. - Amphitryon, ein Enkel des Perseus, war König von Tiryns, lebte jedoch als angesehener Feldherr in Theben. Einmal weilte er fern von daheim auf einem Kriegszug, und unterdessen verliebte sich Zeus, der Vater der Götter und Menschen, in Alkmene, Amphitryons Gattin, die gleichfalls eine Enkelin des Perseus war. Der Gott senkte sich um die Dämmerstunde aus dem Olympos herab in den Palast des Amphitryon und erschien plötzlich in überirdischer Herrlichkeit vor Alkmene. Drei volle Tage durfte auf sein Gebot die Sonne nicht aus dem Meere emportauchen, blaue Finsternis hüllte die Erde ein, und der bestirnte Himmel wölbte sich unbewegt über sie hin. Während dieser Zeit weilte Zeus bei Alkmene, trunken von ihrer heiligen Schönheit. Am vierten Tage stieg die Sonne endlich wieder aus den Fluten auf, da verabschiedete sich der Gott. An der Schwelle des Hauses segnete er die Frau, die neun Monde später einem starken Knaben das Leben schenkte. Der inzwischen längst heimgekehrte Amphitryon wurde der Ziehvater des Kindes, das ein Halbgott war. Durch seine Liebe zu Alkmene hatte Zeus seine Gemahlin Hera betrogen, und Hera, der jeder Ehebruch verhasst war und der des eigenen Gatten ganz besonders, verfolgte die schöne Nebenbuhlerin in Theben mit ihrem Neid; sie gönnte ihr den herrlichen Sohn nicht, dem Zeus vor allen versammelten Göttern eine große Zukunft verkündet hatte. So schickte denn Hera eines Morgens vor Sonnenaufgang zwei entsetzliche Schlangen in Alkmenes Schlaf gemach, die sollten das Kind, welches dort in seiner Wiege neben dem Bette der Mutter schlummerte, erwürgen. Ehe die Dienerinnen und die gleichfalls schlafende Mutter etwas bemerkten, hatten die beiden Untiere sich emporgeringelt und den Hals des Knaben zu umstricken begonnen. Mit einem Schrei fuhr das Kind auf, das ungewohnte Halsband war ihm lästig. Da gab es die erste Probe seiner Götterkraft: es packte mit jeder Hand eine Schlange am Genick und erdrosselte sie mit einem einzigen Druck. Alkmene und die Wärterinnen, vom Schrei des Knaben aufgeschreckt, stürzten herbei, und auch König Amphitryon stürmte mit gezücktem Schwert ins Gemach. Aber ihre Hilfe war nicht mehr vonnöten. Ein Staunen und Raunen ging von Mund zu Mund, des Königs Herz aber durchbebte Lust, gemischt mit Entsetzen, als er die unerhörte Kraft des kaum geborenen Stiefsohnes schaute. Sogleich befahl er den Seher Teiresias in den Palast und bat ihn, das Wunderzeichen zu deuten und ihm die Zukunft des Kindes zu offenbaren; und Teiresias weissagte: "0 König und Königin und ihr alle, die ihr diese Wiege umsteht, wisset: So viele Ungeheuer auf Erden und im Meere sich umhertreiben, dieser Knabe wird sie alle hinwegräumen. Er wird selbst mit den Giganten kämpfen und sie besiegen und am Ende seines mühereichen Erdenwallens zu den Göttern eingehen. Hebe, die ewige Jugend, wird er als himmlische Gemahlin erhalten."

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