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Das Haupt der Gorgo

erseus war der größte Held vor Herakles. Seine Geburt geschah durch ein seltsames Wunder. Über Argos herrschte damals der grausame König Akrisios, dem hatte ein heiliges Orakel geweissagt: "Du wirst durch die Hand deines eigenen Enkels sterben!" Darum sperrte Akrisios seine Tochter Danae, sein einziges Kind, in ein erzenes Turmgemach, wo weder der Strahl der Sonne noch eines Menschen Fuß eindringen konnten. Durch eine Wärterin ließ er die Gefangene bewachen; nie sollte ein Freier die Jungfrau erspähen und zum Weibe begehren, nie sollte Danae Hochzeit halten können, niemals Akrisios einen Enkel bekommen, der sein Mörder würde. Einen aber gab es, der durch Mauern und Erzwände blicken konnte und aller Vorsichtsmaßnahmen des Königs lächelnd spottete: Zeus, der Vater der Götter und Menschen, der in heftiger Liebe zu der schönen, einsam schmachtenden Königstochter entbrannte. Er verwandelte sich in einen goldenen Regen und fiel durch das Dach des Turmes leuchtend hinab in Danaes Verlies. So vermählte der höchste Gott sich mit der Jungfrau, und als die Zeit erfüllt war, gebar sie einen Knaben: Perseus. Furchtbar tobte sich der Zorn des Königs aus, als ihm das Geschrei des Neugeborenen verriet, dass er trotz aller Riegel und Schlösser Großvater geworden war. Die Wärterin, die er beschuldigte, sie habe seine Tochter nicht wachsam behütet, erwürgte er, die junge Mutter samt dem Säugling ließ er in einen großen hölzernen Kasten sperren und ins Meer werfen. Mochten sie auf den Wogen verhungern oder irgendwo im Sturm an einer Klippe zerschmettert werden. Das Schicksal aber bestimmte es anders. Sanfte Winde trieben den Kasten bei der Insel Sereiphos an Land. Dort herrschten zwei Brüder namens Diktys und Polydektes. Diktys fischte gerade, als das merkwürdige Fahrzeug zum Ufer schaukelte. Er zog es auf den Strand, öffnete es und fand darin die Mutter mit dem Kind im Arm. Von nun an sorgten die Brüder liebreich für die Verstoßenen, ja Polydektes erhob Danae zu seiner Gemahlin, und Perseus, Zeus' Sohn, wurde am Hofe sorgfältig erzogen. Als der Knabe herangewachsen war und es sich zeigte, mit welcher Heldenkraft sein göttlicher Vater ihn ausgestattet hatte, fürchtete jedoch Polydektes, Perseus könnte ihm eines Tages Thron und Zepter streitig machen und entreißen. Darum sann er auf eine List, wie er Perseus auf gute Weise loswerden konnte. Er ließ verlauten, dass er, Polydektes, die Absicht hege, mit einem Heer einen ruhmvollen Feldzug zu unternehmen, und von jedem, der ihn wahrhaft liebe, nicht nur Gefolgschaft, sondern auch eine Beisteuer an Waffen, Rossen und Streitwagen fordere. "Ich verlange, dass mir jeder das Beste bringt, was er hat!" rief er vor seinen versammelten Freunden aus. Dabei schielte er heimlich auf seinen Stiefsohn Perseus, dessen glühenden Ehrgeiz er kannte. Er hatte sich nicht verrechnet. Schon trat Perseus vor und sprach: "Nicht will ich hinter deinen bereitwilligen Gefolgsleuten zurückstehen, Vater Polydektes. Was immer du brauchst, ich will es dir schaffen, und sei es das Haupt der Gorgo!" Kaum hörte der König diese überschwängliche Zusage, als er den kühnen Jüngling auch schon beim Worte nahm und rief: "So bringe mir das Haupt der Gorgo Medusa! Eine bessere Waffe kann ich mir auf meinem Feldzuge nicht wünschen: ich trage es vor mir her, und alle meine Feinde stürzen tot oder wahnsinnig geworden zu Boden. Geh und bring mir das schaurige Haupt!"

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