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Die Jungfrau Andromeda

ohin aber lenkte das Schicksal die beflügelten Schritte des Helden Perseus? Wohl versuchten die beiden Gorgonen, die gemordete Medusa zu rächen, und verfolgten den kühnen Täter. Doch da ihn der Nymphenhelm ihren Blicken entzog, irrten sie vergeblich über die weite Wasserwüste des Okeanos. Stürme erhoben sich, fassten Perseus und schleuderten ihn wie Regengewölk bald hierhin, bald dorthin. Als er über den Sandwüsten Libyens schwebte, rieselten Blutstropfen vom Haupte der Gorgo aus der Sacktasche auf die Erde nieder und befruchteten sie. Aus jedem Tropfen gebar der heiße Boden eine bunte Schlange, und seitdem gibt es in jenem Gebiet so viele gefährliche Nattern. Westwärts flog Perseus. Im Reiche des Königs Atlas ließ er sich nieder, um zu rasten. Atlas hütete gemeinsam mit einem furchtbaren Drachen einen Hain voll goldener Früchte. "Lass mich hier ein wenig ausruhen", bat Perseus, aber der König, um seinen goldenen Garten bangend, stieß ihn unbarmherzig von seiner Schwelle fort. Da ergrimmte Perseus. "Willst du mir nichts gönnen", rief er, "so sollst du wenigstens von mir ein Geschenk empfangen!" Damit riss er den Sack auf, holte das Gorgonenhaupt hervor und streckte es mit abgewandtem Blick dem König entgegen. Da wurde der König, riesenhaft wie er war, augenblicklich zu Stein und in einen Berg verwandelt: Schultern, Arme und Beine wurden zu Felsgraten, als hoher Gipfel ragte das Haupt in die Wolken, Bart und Haar dehnten sich als Wälder aus. So steht der bestrafte König noch heute, wenn auch arg verwittert, als Atlasgebirge im Norden Afrikas, zwischen der gelben Wüste und dem tiefblauen Mittelmeer. Perseus schob das Gorgonenhaupt in die Tasche zurück und eilte auf seinen Flügelschuhen weiter durch die Lüfte. Auf seinem Flug erreichte er das Land Aithiopien, wo er an einer Klippe der Küste eine gefesselte Jungfrau gewahrte. Hätte der Wind ihr Haar nicht bewegt und wären nicht Tränen ihren Augen entströmt, er hätte sie für ein Marmorbild gehalten. Er vergaß beinahe, die geflügelten Sohlen zu regen, und wäre fast ins Meer gefallen, so bezaubert war er von ihrer Schönheit. "Wer bist du, Jungfrau", redete er sie an, "wer bist du, deren Arme wahrlich anderes Geschmeide verdienten als harte Fesseln? Nenne mir den Namen deines Landes, nenne mir deinen eigenen und künde mir, warum du hier an der Klippe in Banden schmachtest!" Gerne hätte das Mädchen sein Gesicht mit den Händen bedeckt aus Scham über ihr Schicksal, aber sie konnte sich nicht regen. Ihre Augen füllten sich mit quellenden Tränen, endlich öffnete sie die Lippen und sprach: "0 Fremdling, unschuldig bin ich hier an den Stein gebunden und vergehe vor Scham!

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