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Prometheus erschafft die Menschen

immel und Erde waren geschaffen. Das Meer wogte in seinen Ufern, die Fische spielten darin, in den Lüften sangen die Vögel, und auf dem Erdboden wimmelte es bereits von allerlei Tieren. Aber noch fehlte das Geschöpf, in dessen Leib der Geist wohnen und durch Taten die Erdenwelt beherrschen und lenken konnte. Schicksallos walteten die olympischen Götter im Himmel: niemand schaute ihre Herrlichkeit, niemand fühlte ihre Macht außer ihnen selbst - sie waren einsam. Es fehlte das Wesen, das ihr Wirken sah, ihre Worte hörte, ihren Willen vollführte, das ihnen dankte und sie anbetete. Es fehlte der Mensch und das menschliche Schicksal Da betrat Prometheus die Erde. Er war ein Spross des Uranossohnes Iapetos, ein Abkömmling also des uralten, von Zeus entthronten Göttergeschlechtes. Dieser erfinderische Titanensohn wusste, dass im Erdboden der lichte Same des Himmels schlummerte, also nahm er Ton, befeuchtete ihn mit Wasser, knetete ihn und formte daraus eine Gestalt nach dem Ebenbilde der Götter. Sie gefiel ihm, und er erzeugte noch mehrere, eine ganze Schar. Diese Erdenklöße waren jedoch noch unbelebt. Darum nahm Prometheus die Eigenschaften aller Tierseelen, gute wie schlimme: vom Löwen den Mut, vom Pferd Treue und Geduld, vom fliegenden Adler den hohen Sinn, vom stampfenden Stiere Kraft und Wildheit, vom Fuchs die List, vom Wolf die Gier. Aus ihnen machte er ein Gemisch und gab jeder seiner Lehmfiguren ihren Teil davon in die Brust. Dadurch erwachten sie zum Leben, regten und bewegten sich, waren jedoch erst halbbeseelt - der Funke des göttlichen Geistes, der sie erst wahrhaft zu Menschen machte, fehlte ihnen noch. Nun hatte Prometheus unter den Himmlischen eine Freundin, das war Pallas Athene, die Göttin der Weisheit. Sie hatte vom Olympos herab das Tun des Titaniden gespannt verfolgt und bewunderte nun seine Schöpfung. Und weil sie sogleich merkte, was zur Vollendung noch fehlte, schwang sie sich mit einer nektargefüllten Schale in den Händen auf die Erde hinab. Aber das Gefäß war so voll von Götter-wein, dass Athene etliche Tropfen verschüttete, die fielen zu Boden und wurden von den Bienen, Seidenraupen und Spinnen aufgesogen, die von dieser Stunde an mit einem Zauber begabt waren: sie konnten und können Werke hervorbringen, mit denen sie die Geschicklichkeit des sinnenden Menschen noch übertreffen.

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