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Philemon und Baukis

ater Zeus durchwanderte mit seinem Sohne Hermes in Menschengestalt das Land Phrygien, den Sinn seiner Bewohner zu prüfen. Wenn es Abend wurde, gingen sie in Städten und Dörfern von Tür zu Türe, klopften an und baten um ein Obdach für die Nacht. Doch nirgends fanden sie gastliche Aufnahme, es schien, als ob im ganzen Lande nur hartherzige und selbstsüchtige Leute wohnten. Eines Abends hatten sie wieder ein Dorf vergeblich durchforscht. Sie glaubten, das letzte Haus schon hinter sich zu haben, und wollten weiterziehen, als Hermes auf einem Hügel über dem Dorfrand eine kleine, niedrige Hütte bemerkte, die mit Stroh und Schilf gedeckt war. "Laß uns diese noch besuchen", sagte er zum Göttervater, und Zeus willigte schweigend ein. In der armseligen Hütte wohnte ein glückliches Paar, der Mann hieß Philemon, die Frau Baukis. Obwohl ihr Haar schneeweiß war, liebten sie einander nicht minder innig als in ihrer Jugendzeit. Kinder waren ihnen keine beschieden gewesen, aber sie klagten über ihre Einsamkeit ebensowenig wie über ihre Armut. Heiter und freundlich verbrachten sie ihren Lebensabend, und heiter und freundlich empfingen sie die beiden Unsterblichen. "Kommt nur herein", sagte Philemon, "ein Stuhl oder eine Bank für müde Wanderer findet sich immer, und an Speise und Trank wird es nicht fehlen." Erfreut traten die Götter ein und ließen sich nieder, indes Baukis geschäftig zum Herd eilte, Reisig und Holz in die Glut legte und auf dem Dreifuß ein Kesselchen mit frischem Wasser zustellte. Philemon entschuldigte sich bei seinen Gästen, trat vor die Hütte und schnitt im Vorgärtchen Kohl ab; den gab er der Frau. Sie putzte und schnitt die Blätter und tat sie in das Wasser, dem sie Salz beigab. Unterdessen hob Philemon ein Stück Räucherfleisch von der Stange über dem Herd, schabte den Ruß mit dem Messer ab und warf das duftende Fleischstück in den Kessel, in dem das Wasser allmählich zu sieden begann. Dann setzte er sich wieder zu den Ankömmlingen, unterhielt sie nach Kräften und ließ von Baukis ein hölzernes Schaff mit Wasser bringen, damit sich die Wegmüden durch ein Fußbad erquicken könnten. Die Götter ließen sich alles gerne gefallen, und nachdem sie ihre Füße im Wasser erfrischt hatten, streckten sie sich auf das Ruhebett hin, das Baukis mit Polstern und Philemon mit weichen Teppichen belegt hatte, und genossen mit dem greisen Paare das Mahl. Es war in einer sauberen Schüssel aus Ton und auf flachen Holztellern angerichtet. Einladend duftete der warme Kohl und das geräucherte Fleisch, dazu gab es Oliven, Rettich und Salat, für den Durst Wein und Wasser, aus irdenem Mischkrug in hölzerne Becher gegossen. Nach dem Hauptmahl trug Baukis, die redliche Hausfrau, Trauben und Feigen, Nüsse und Datteln herbei, auch köstlicher Honig aus Phrygiens blühenden Auen fehlte nicht. Die Götter ließen sich's wohl schmecken und freuten sich recht von Herzen, auf ihrer betrüblichen Wanderung doch noch zwei gütige, gastfrohe Menschen gefunden zu haben.

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