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König Midas

ionysos, der mächtige junge Gott des Weines, zog von Land zu Land. Zu seinem ausgelassenen, tanzlustigen Gefolge gehörte auch der greise Silenos, ein ewig trunkener Dickwanst, den er besonders ins Herz geschlossen hatte. Als nun eines Tages der Gott, die Schläfen weinlaubbekränzt, mit seinen Wegfreunden und Bacchantinnen - trinkfesten Burschen und leichtfüßigen Mädchen, Harfenschlägern und Flötenspielerinnen - hinüber nach Kleinasien zog, in die Landschaft Lydien, verloren sie den Silenos. Der Greis hatte sich, des süßen Trankes voll, in einen Weingarten am Tmolosgebirge zu einem Schläfchen hingestreckt und war dort von der schwärmenden Schar vergessen worden. Den kahlen Kopf im Schatten der Rebstöcke, das gewölbte Bäuchlein in der prallen Sonne, so fanden ihn Bauern aus dem benachbarten Phrygien. Die Bauern hatten ihren Spaß mit dem Alten. Sie fesselten seine Hände mit einem frischen Blumenkranz, schlangen ihm ein Blumengewinde um den Hals und führten ihn so, wie man Gefangene zu führen pflegt, im Triumph zu ihrem König. Der König von Phrygien hieß Midas. Er erkannte den Genossen des großen Dionysos sogleich, empfing ihn wie den Gott selber und veranstaltete ihm zu Ehren ein zehntägiges Gelage. Am Morgen des elften Tages brachte er seinen Gast in feierlich-fröhlichem Zuge nach Lydien zurück, wo Dionysos, der schon in Sorge gewesen, den wiedergefundenen Freund gerührt umarmte. Zu König Midas gewendet, sprach er hierauf: "Erbitte dir zum Lohn für alles Gute, das du Silenos erwiesen, eine Gabe von mir - was immer es sei, es sei dir gewährt!" Hei, wie war Midas flugs mit einem Wunsche zur Hand! Er hatte schon oftmals davon geträumt, mit Göttern vertrauten Umgang zu haben, und dass einer von ihnen ihm eine Gunst gewährte. Er brauchte sich nicht lange zu besinnen. "So schenke mir", rief er mit gierig leuchtenden Augen, "dass alles, was ich berühre, im Augenblick zu purem Golde wird!" Mit schmerzlicher Miene winkte der Gott Erfüllung des verderblichen Wunsches und entschwand mit seinen Schwärmern. Midas aber wollte die unheilvolle Gabe sogleich erproben und brach von der zunächststehenden Eiche einen Zweig ab. Siehe, er verwandelte sich in Gold. Nun hob er einen Stein vom Wege auf - ein schwerer Goldklumpen füllte seine hohle Hand. Im Vorbeigehen streiften seine Finger reife Kornähren: die Halme knickten ab, sie waren zu schwach für die Ähren, die sich in schweres Gold verwandelt hatten.

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