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König Kadmos und sein Geschlecht

önig Agenor von Phoinikien hatte vier Söhne. Der erste hieß Kadmos und war vom Schicksal ausersehen, das hochberühmte und leidgeprüfte Theben zu gründen. Der zweite Sohn hieß Phoinix; er trug diesen Namen, weil sich in ihm der Geist seines seefahrenden Volkes am strahlendsten offenbarte, er war in allem und jedem ein echter Phoiniker. Der dritte Sohn war Kilix, nach welchem die Landschaft Kilikien in Kleinasien benannt ward, und der vierte schließlich Phineus, den später die Argonauten auf ihrem Heldenzuge besuchten und von einem grässlichen Übel befreiten. Als Zeus in Stiergestalt Agenors Tochter Europa geraubt und über das Meer nach Kreta entführt hatte, schickte der König seine vier Söhne unter Kadmos' Führung aus, ihre Schwester zu suchen. "Wagt es nicht, mir ohne mein Kind unter die Augen zu treten!" lautete sein Gebot. Kadmos gehorchte. An der Spitze der Brüder durchirrte er lange die Welt, doch nirgends fand er die Schwester, zu schlau hatte Zeus sie verborgen. Endlich, als ihm alle Hoffnung schwand, lenkte er seine Schritte nach der kastalischen Grotte bei Delphi, wo eine den Musen geheiligte Quelle aus dem Boden sprudelte und ein Orakel des Apollon war. Dort angelangt, befragte er den weissagenden Gott, in welches Land er sich nun wenden solle. "Des Vaters Zorn verwehrt mir die Heimkehr", sprach er im Gebet, "wo werde ich eine neue Heimat finden?" Apollon gab ihm die Weisung: "Du wirst ein Rind auf einsamen Auen treffen, das noch kein Joch geduldet hat. Von ihm lasse dich leiten, und wo es im Grase ruhen wird, erbaue Mauern und nenne die Stadt Theben." Kaum hatte Kadmos die Grotte verlassen, da sah er auch schon auf grüner Weide eine Kuh, die noch kein Joch getragen. Bedächtig schritt sie dahin, und Kadmos, in stummem Gebet mit dem Gotte verbunden, folgte ihrer Spur. Schon hatte er, nach langer Wanderung, die Furt des Kephisos durchwatet und eine gute Strecke Landes hinter sich gebracht, als das Rind auf einmal stillestand, das Gehörn gen Himmel streckte und weithin die Luft mit seinem Gebrüll erfüllte. Dann schaute es nach der Schar der Brüder und legte sich ins saftige Gras. Kadmos warf sich nieder und küsste die Erde.

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