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Leiden und Triumph der Jungfrau Io

er Stammvater des griechischen Urvolkes der Pelasger hieß König Inachos. Manche sagen, er sei eigentlich ein Flussgott gewesen. Darüber mag man streiten; dass jedoch die bildschöne Jungfrau Io seine Tochter gewesen, ist ganz gewiss, ebenso, dass sich Zeus, der olympische Götterherrscher, in sie verliebte, und zwar so heftig, dass er beschloss, um die Königstochter zu werben. Und als Io einst auf der Wiese die Herden ihres Vaters hütete, senkte der Gott sich herab und stand plötzlich in Menschengestalt vor ihr. In schmeichlerischen Worten pries er ihre Schönheit und ihren erhabenen Sinn. Zur Götterbraut sei sie bestimmt und dürfe nie das Weib eines Sterblichen werden. Wohl floh das Mädchen in seiner Angst vor dem feurigen Werber, aber da missbrauchte der Gott seine Macht: er tauchte das Land in jähe Finsternis und umhüllte die Fliehende mit einer dichten Nebelwolke. Aus Furcht, an einen Felsen zu rennen oder in einen Wasserlauf zu stürzen, hemmte Io ihren Schritt und kam so in die Zaubergewalt des Gottes. Hera, die Göttermutter, vermisste ihren Gatten auf dem Olympos. Von Eifersucht gequält, durchforschte sie die Gefilde der Menschenwelt, über der es längst wieder Tag geworden war. Doch mit Staunen entdeckte die Göttin mitten auf sonniger Flur die Nebelwolke, deren Art und Herkunft sie sich nicht erklären konnte: der Boden war trocken, kein Bach oder Fluss in der Nähe. "Da muss Trug dahinterstecken!" sagte sie zornig und ließ sich, Argwohn und Liebesnot im Herzen, aus dem Himmel zur Erde herab, geradewegs in die Wolke. So schnell, so überraschend drang sie in diese ein, dass Zeus gerade noch Zeit fand, die Geliebte, für die sein Herz so sehr entflammt war, in eine wunderschöne Kuh zu verwandeln. "Seit wann ist mein göttlicher Gemahl unter die Rinderhirten gegangen?" fragte Hera mit leisem Spott. Dann, die Kuh betrachtend, setzte sie hinzu: "Es ist ein schmuckes Stück, das du hier weidest, aus welcher Zucht entstammt es denn?" "Sie entstammt der Erde", log Zeus, "an dieser Stelle ward sie soeben in einer Nebelwolke aus dem Boden geboren." Hera, die Lug und Trug durchschaute, nickte und fragte auch nicht mehr weiter, erbat sich aber die schöne Kuh zum Geschenk. Und Zeus, der seiner Gemahlin eine so geringe Bitte nicht abschlagen konnte, ohne sich verdächtig zu machen, musste ihr wohl oder übel willfahren. Scheinbar beglückt über die hübsche Gabe, knüpfte Hera dem Tier, in dessen Leib ein verzweifeltes Menschenherz schlug, einen Strick um den Hals und führte es davon. Sie suchte den Argos auf, ein Ungetüm mit hundert Augen, die gleich funkelnden Sternen über seinen ganzen Leib, über Vorder- und Hinterhaupt verstreut waren. Immer war es nur ein Paar dieser Augen, das sich schloss und schlief, die anderen wachten indessen, bis auch sie im Wechsel an die Reihe kamen.

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