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Wie die Jungfrau Europa geraubt wurde

m Lande Phoinikien, wo die beiden mächtigen Handelsstädte Tyros und Sidon miteinander wetteiferten, herrschte vor langen Zeiten König Agenor, ein Sohn des Poseidon und der ägyptischen Königstochter Libya. Vermählt war er mit Telephassa, die ihm die vier Knaben Kadmos, Phoinix, Kilix, Phineus und das Mädchen Europa gebar. Europa, die Jungfrau, wuchs in der tiefen Abgeschiedenheit des väterlichen Palastes auf. Eines Nachts ward ihr ein seltsames Traumbild vom Himmel gesendet: es war ihr, als stritten zwei Erdteile in Frauengestalt um ihren Besitz. Asien war die eine der Gestalten, und sie glich an Aussehen und Gebärde ganz einer Einheimischen, einer Phoinikerin; die andere verkörperte den gegenüberliegenden Erdteil und hatte fremdes Antlitz und Gebaren. Mit dem zärtlichsten Eifer wehrte sich die Einheimische um ihr Kind Europa. "Ich habe diese geliebte Tochter geboren und gesäugt", rief sie und hob schützend die Hände. Das fremde Weib aber umfasste das Mädchen mit gewaltigem Arm und führte es wie einen kostbaren Raub mit sich fort, ohne dass Europa in ihrem Herzen widerstrebte. "Komm mit, Liebchen", sprach die Fremde, "ich trage dich Zeus, dem Weiterschütterer, als Braut entgegen, denn so ist es dir vom Geschicke bestimmt!" Mit klopfendem Herzen erwachte die Jungfrau. "Welcher Himmlische", sprach sie, sich aufrichtend, "hat mir dieses Bild geschickt? Welche Träume schrecken mich, indes ich süß und sicher im Hause des Vaters schlummere? Wer war die Fremde, die mich entführte? Warum sehnt sich mein Herz so plötzlich nach ihr? Liebreich kam sie mir entgegen, und ihre Blicke waren Mutterblicke. 0 möge der Traum mir Gutes verkünden!" Mit frischem Wind und Meeresduft brach der helle Morgen an. Europa erhob sich vom Lager und trat vors Haus. Da eilten von allen Seiten ihre Gespielinnen herbei, edle Fürstentöchter; auf den Stufen kamen sie ihr entgegen und luden sie ein, mit ihnen zu singen und Reigen zu tanzen. "Komm mit uns auf die blumenreichen Wiesen am Meer", riefen sie, "dort wollen wir lustwandelnd den Chorgesang üben zu Ehren der Götter und opfernd an den Altären weilen!" Gerne folgte ihnen Europa, denn sie liebte den üppigen Wuchs der Blumen und das hallende Rauschen der See. Ihre Altersgenossinnen waren alle in blütenbestickte Gewänder gehüllt, sie aber, die Königstochter, die alle überragte, trug ein herrliches, goldgesticktes Schleppkleid voll glänzender Bilder aus der Göttersage. Dies unschätzbar köstliche Gewand war ein Werk des Hephaistos, des Götterschmiedes, und Poseidon, der Flutenerdschütterer, hatte es voreinst der Afrikanerin Libya geschenkt, als er um sie warb. So angetan eilten die jungen Fürstinnen mit Europa den Uferwiesen zu, wo sie sich jubelnd bald dort-, bald dahin zerstreuten und die herrlichen Blumen pflückten, die da in der Sonne aufgeblüht waren: schneeglänzende Narzissen, balsamisch atmende Hyazinthen, duftende Veilchen, würzigen Quendel und gelb lockenden Krokus. Europa aber, einherwandelnd wie die Liebesgöttin unter den Grazien, brach einen Strauß glühend roter Rosen und hielt ihn verzückt gegen den Himmel.

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