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Deukalion und Pyrrha

s war im ehernen Zeitalter, da drang eines Tages schlimme Kunde an das Ohr des Weltbeherrschers Zeus: Die Menschen frevelten gegen die Götter! Der Kronide beschloss hierauf, in menschlicher Gestalt selbst die Erde zu durchstreifen. Doch wohin er auch kam, überall fand er die Wirklichkeit noch schlimmer als das Gerücht. Eines dämmerdunklen Abends trat er unter das ungastliche Dach des Königs Lykaon von Arkadien, der wegen seiner Wildheit berüchtigt war. Durch Wunderzeichen ließ Zeus merken, dass ein Gott gekommen war, und die Menge, die sich im Hof des Palastes zu einer Opferfeier versammelt hatte, warf sich auf die Knie und erhob die Hände zum Himmel. Lykaon aber blickte spöttisch auf die Betenden und dachte: .Ich will sehen, ob dieser fremde Wanderer wirklich ein Gott oder nur ein Sterblicher ist', und er beschloss, den Gast freundlich zu empfangen und zu bewirten, ihn aber zur Mitternacht, wenn der Schlummer auf ihm lastete, umzubringen. Zeus, an dessen Ohr Gedanken wie laute Worte schlugen, erkannte die böse Absicht, schwieg aber. Als jedoch der König in aller Heimlichkeit rasch einen edlen Jüngling töten ließ, den ihm das unterjochte Volk der Molosser als Geisel gesandt hatte, und die fast noch lebendigen Glieder teils in siedendem Wasser kochte, teils über dem Feuer briet, um sie dem Gast zum Nachtmahl anzubieten, durchschaute Zeus auch diese Untat. Nun aber hielt er nicht mehr an sich. Er fuhr vom Tisch empor, und das Feuer seines Zornes setzte augenblicklich die Burg des Frevlers in Brand. Aus allen Türmen und Gemächern schlugen die hellen Flammen. Entsetzt floh der König vor dem Wüten des Feuers ins Freie. Wehklagend lief er über ein dunkles Feld, aber schon der erste Laut, den er ausstieß, war ein Geheul. Sein Kleid wurde zu Fellzotteln, seine Arme verwandelten sich in behaarte Beine, seine Hände in Krallen: aus dem blutrünstigen Tyrannen war ein Wolf geworden. Voll Kummer und Zorn kehrte Zeus zum Olympos zurück, berief alle Götter zu einer Versammlung und eröffnete ihnen, dass er das Menschengeschlecht vertilgen wolle. "Die lästernde Meute verdient nichts anderes, als dass man sie mit Feuer ausrottet!" rief er und wollte schon auf alle Länder seine Blitze verstreuen. Da erhoben jedoch seine Kinder, die des Olympos' goldene Fluren bewohnten, ihre Stimmen: "Tu's nicht, Vater, tu's nicht - es könnte der heilige Äther, der Himmel und Erde umhüllt, Feuer fangen und des Weltalls goldene Achse schmelzen. Dann taumeln die Gestirne aus ihren Bahnen, und alles geht, den finsteren Götterfeinden zur Lust, in einem verzehrenden Brande unter!" Der Göttervater besann sich. Er legte die Donnerkeile, die ihm die einäugigen Urweltriesen geschmiedet hatten, beiseite und sprach: "Darf es das Feuer nicht sein, so mag das Wasser meinen Willen vollbringen. Einen ungeheuren Regen will ich der Erde senden! Ein Meer flute vom Himmel hinab! In Wolkengüssen ertrinke, was sterblich ist!"

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