1 / 10

Der Gang durch die Unterwelt

eneas war in Richtung Italien abgesegelt, aber noch einmal, ehe er sein Ziel endlich erreichte, zwang ihn ein Sturm, an einer anderen Küste zu landen, und zwar am Gestade von Sizilien. In Drepanum wurden sie von König Akestes liebevoll aufgenommen; des Königs Mutter war aus troischem Geblüt. Gerade jährte sich der Tag, an welchem Aeneas seinen Vater Anchises an diesem Ort bestattet hatte, und der Held veranstaltete mit den Seinen zu Ehren des geliebten Schattens ein herrliches Totenfest mit Wettkämpfen aller Art. Doch während die Männer an heiliger Stätte über die Rennbahn liefen, sich im Faustkampf und Bogenschuss miteinander maßen, legten die troischen Frauen - der langen Seefahrt müde und von Iris, der farbenschimmernden Botin Junos, aufgereizt - Feuer an die eigene Flotte. Ascanius, der herrliche Jüngling, der gerade freudig eine Reiterschar im Wettkampf anführte, sah den Qualm zum Himmel aufsteigen und sprengte sofort in das Lager, wo alles hin und her rannte. "Was ist das für ein Wahnsinn?" schrie er. "Ihr verblendeten Weiber, die eigene Hoffnung macht ihr feindlich zunichte in eurem unseligen Wahn! Wie sollen wir je unsere Irrfahrt beenden, wie Äcker und Hütten, eigene Mauern und Tempel für unsere heimischen Götter finden, wenn ihr die Schiffe verbrennt?" Damit riss er sich seinen Schmuckhelm, den er im Kriegsspiel getragen, vom Haupt und warf ihn gegen die Weiber, die schreiend nach allen Seiten flohen und im Wald und in den Klüften des Ufers Schutz vor dem Zorn der Männer suchten, die mit Aeneas an der Spitze von der Kampfbahn heranstürmten. Mit allen Kräften versuchten sie zu löschen. Schwelende Lohe nagte an den Kielen, in den hölzernen Rümpfen wütete die Verwüstung. Ach, soviel sie auch mit Heldenkraft Wasser herbeischleppten und in die Flammen schütteten, es wollte nichts nützen. Erst als Aeneas sich in Verzweiflung das Gewand von den Schultern riss und flehend die Hände zu Jupiter emporreckte, erbarmte sich der Göttervater seines Lieblings und sandte aus heiterem Himmel in wilden Güssen schweren Gewitterregen herab; wirbelnde Wasser entströmten dem Äther und überschwemmten die Schiffe. Triefend nass standen die verkohlten Wracks. Der ganze Brand war erloschen, die Fahrzeuge bis auf vier gerettet. Ein Traum, den Aeneas in der folgenden Nacht hatte, veranlasste ihn, auf sizilianischem Boden eine Stadt zu gründen und sie zur Entlastung der Flotte mit den Greisen und alten Müttern zu bevölkern, die ihm aus Troia gefolgt waren. Er nannte die Stadt zu Ehren seines königlichen Gastfreundes Akesta; Segesta heißt sie heute. Dann brach er mit den kräftigsten Männern und Jünglingen, Frauen und Knaben auf und verließ die Küste. Diesmal gewährte Neptunus endlich sicheres Meer und glückliche Fahrt, die Liebesgöttin, des Aeneas Mutter, hatte ihn darum gebeten. Aber auch der günstigste Wind und der blaueste Himmel können nicht ein Unglück verhüten, das die Götter wollen.

« zurück weiter »