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Aeneas erzählt den Tyriern, wie er aus Troia entfloh

er Schmaus ging zu Ende, die Speisen wurden abgetragen, gewaltige Weinkrüge herbeigeschafft und die Becher aufs neue gefüllt. Die Nacht war hereingebrochen und mahnte mit ihrem Dunkel zur Ruhe. Aber Dido wollte nichts von Schlaf wissen; solange das Fest währte, so lange war ihr der Anblick des Helden Aeneas gegönnt, sie konnte sich nicht von ihm losreißen und wäre am liebsten ewig so Auge in Auge mit ihm gesessen. Von der goldgetäfelten Decke hingen flammende Kronleuchter nieder. Dido ließ sich einen herrlichen edelsteinbesetzten Becher reichen, füllte ihn bis zum Rande mit Wein und erhob sich, das kostbare Gefäß in der Rechten haltend, von ihrem Sitz. Augenblicklich verstummte aller Festeslärm: die Königin wollte sprechen. "Jupiter", sagte sie mit feierlicher Stimme, "mächtiger Beschirmer des Gastrechts, lass diesen Tag Troern wie Tyriern zum Glück gereichen! Auch du, Bakchos, Freudengeber, und du, huldreiche Mutter Juno, seid mit uns!" Damit goss Dido das Trankopfer auf den Tisch, nippte dann vom Wein und reichte den schweren Pokal dem tyrischen Edlen, der ihr zunächst saß. Der leerte ihn auf einen Zug und gab ihn dann weiter. Von Mund zu Mund ging der Becher, immer aufs neue geleert und wieder gefüllt, und machte die Runde bei Tyriern und Troern. Unterdessen besang der gelockte Seher Iopas zur goldenen Leier den wechselnden Lauf des Mondes und die Mühen der Sonne: warum im Winter die Tage so kurz und die Nächte so lang sind, erklärte sein Lied. Er sang von der Herkunft des Menschengeschlechtes und der Tiere, sang von Regen und Feuer und von den Geheimnissen der kreisenden, göttergleichen Sterne. Endlos spendeten Tyrier wie Troer Beifall. Durch eifriges Zwiegespräch zog Dido das Gelage in die Länge; mehr als des Sängers Lied beglückte sie die Rede des Aeneas - ach, sie schlürfte in langen, sehnenden Zügen das süße Gift der Liebe. Über Priamos fragte sie den Helden aus und über Hektor, wie das Gespann des Diomedes beschaffen gewesen, wollte sie wissen, und wie groß Achilleus war. Schließlich bat sie, Aeneas möge ihr und den versammelten Tyriern doch von Anfang an erzählen, wie Troia gefallen sei, wie er die brennende Stadt verlassen habe und nun schon den siebenten Sommer irrfahrend unterwegs sei, von Land zu Land. Aeneas gehorchte. Er erzählte der Königin und den regungslos lauschenden Edlen ihres Volkes von Laokoons grausem Geschick: wie er die Troer gewarnt habe und dann samt seinen Söhnen von zwei riesigen Schlangen erwürgt worden sei. Er erzählte vom Einzug des hölzernen Pferdes in Troia und vom grässlichen Brande der Stadt, vom verzweifelten Abwehrkampf der Bewohner, vom Sturm der Griechen auf Priamos' Burg, und wie der greise König am heiligen Altare des Zeus von der Hand des rasenden Neoptolemos hingemordet wurde. "Da fasste mich", so fuhr Aeneas fort, "ein wildes Entsetzen. Ich sah meinen Vater Anchises vor mir er war genauso alt wie Priamos sah ihn im Geiste mit klaffender Seitenwunde sein teures Leben verhauchen; mein Haus sah ich von den Griechen verwüstet, sah mein Weib erschlagen auf dem Boden liegen, den blut-überströmten Leichnam des kleinen Ascanius neben sich - o schreckliches Bild! Ich blickte mich um: ich war allein. Kein Helfer weit und breit. Die Kampfgefährten waren alle von meiner Seite gewichen, hatten sich vor Verzweiflung vom Burgberg in die Tiefe gestürzt oder todmatt in das ringsum prasselnde Feuer. Es hatte keinen Sinn mehr, mit dem Schwert auf die eingedrungenen Griechen loszugehen, es waren ihrer zu viele.

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