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Die Gründung von Rom

as Tiberinus, der Flussgott, dem Aeneas im Traume geweissagt hatte, ging in Erfüllung: Dreißig Jahre nach dem Sieg über die Rutuler gründete Ascanius in den Albanerbergen die Stadt Alba longa. Zwölf Könige aus seinem Blut regierten dort nach ihm, als letzter Numitor, der die Herrschaft mit seinem Bruder Amulius teilte: er selber trug die Krone und führte das Zepter, Amulius verwaltete die vorhandenen Schätze. Doch der Schatzverwalter gierte nach der vollen Gewalt, und so stieß er eines Tages den Bruder vom Thron, tötete den jungen Neffen und machte Numitors Tochter Rhea Silvia zur Vestalin, damit sie unvermählt und ohne Nachkommen, die ihm gefährlich werden konnten, stürbe. Doch nützte dem Frevler seine Vorsicht nichts: Mars, der Gott des Krieges, verband sich liebend mit der jungen Priesterin, und Rhea gebar Zwillingssöhne, die sie Romulus und Remus nannte. Kaum hatte der Oheim Amulius davon Kunde erhalten, als er zornig befahl, die beiden Knaben zu ersäufen. Ein Diener musste sie in einem Korb den Wellen des Tibers übergeben; doch weil der Fluss damals gerade aus seinen Ufern getreten war und der Mann nicht bis an das eigentliche Flussbett herankonnte, setzte er die Kinder nur auf das seichte Wasser. So trieb das Körbchen gemächlich durch die überfluteten Auwälder dahin, und als das Wasser zu sinken begann, saß es bald auf trockenem Grunde. Das Greinen und Weinen der Säuglinge lockte eine Wölfin herbei, deren Junge durch die Überschwemmung ums Leben gekommen waren. Mütterlich bot sie den Knaben ihre vollen Zitzen, und Romulus und Remus tranken gierig die Milch des wilden Raubtieres. So wurden sie vor dem Hungertode gerettet. Nach Tagen entdeckte ein königlicher Hirte namens Faustulus das Pärchen. Er verscheuchte die Wolfamme und brachte die Knaben voll Mitleid seinem Weibe Acca Larentia, die sie betreute, bis sie zu stattlichen Jünglingen herangewachsen waren. Romulus und Remus wurden tüchtige Hirten und Jäger. Sie stählten ihre Glieder in Kämpfen mit Räuberhorden, die ihres Pflegevaters Herden überfielen, zogen aber gelegentlich auch selbst an der Spitze einer kühnen Schar beutelüstern durch das Land. Als ihnen Faustulus eines Tages das Geheimnis ihrer Abkunft offenbarte, stürmten sie in den Königspalast, erschlugen den Gewaltherrscher Amulius und führten ihren Großvater Numitor als rechtmäßigen König im Triumph nach Alba longa. Von ihm erhielten sie die Erlaubnis, an der Stelle, wo Faustulus sie aufgefunden hatte, eine feste Stadt zu erbauen, zum ewigen Angedenken an ihre wunderbare Errettung.

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