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In der neuen Heimat

on Cumae steuerte Aeneas das Gestade entlang und erreichte bei klarem Himmel und mäßig bewegter See glücklich den Hafen von Ostia. Hier mündet der Tiberstrom ins Meer. In reißenden Wirbeln, gelb von Sand, brach er zwischen bewaldeten Hügeln hervor. Bunte Vögel umflatterten unter lieblichem Gesang die Mündung und durchschwebten die Uferhaine. Der Landstrich, an welchem die Auswanderer jetzt anlegten, hieß Latium. Über seine friedfertigen Städte und fruchtbaren Felder herrschte ein schon alternder König mit Namen Latinus, ein Sohn des uralten Ackergottes Faunus, den die Latiner hoch verehrten. Latinus hatte keinen Sohn, wohl aber eine einzige Tochter. Das Mädchen hieß Lavinia. Fürstensöhne aus ganz Italien bewarben sich um die Hand der Jungfrau, allen voran Turnus, der Sohn des Rutulerkönigs Daunus. Lavinias Mutter, die Königin Amata, hätte es gerne gesehen, wenn ihre Tochter dem schönen, starken Jüngling vermählt worden wäre, aber mancherlei Götterzeichen sprachen dagegen. Im Hof der Königsburg stand ein alter, dem Apollon geweihter Lorbeerbaum; als Latinus seinen Palast errichtete, war er schon an dem Platze gestanden. Eines Tages ließ sich ein mächtiger Bienenschwarm auf seinen Wipfel hernieder, wie eine Blumendolde hing er an dem grünenden Geäst. Man rief einen Wahrsager und bat ihn, er möge das Zeichen deuten. Der Seher sprach: "Großes verkündet uns der Gott aus dem Gesumm dieser heiligen Tiere. Aus fernem Land wird mit dem Lauf der Sonne ein Mann an diesen Strand kommen. Viele Schiffe mit bewaffneten Männern folgen ihm, und er wird in dieser Burg als König herrschen!" Ein anderes Mal, als die Jungfrau Lavinia mit ihrem Vater am Altare stand, schienen die Locken der Jungfrau an der Opferflamme Feuer zu fangen. Ihr Haar und die goldene Krone darauf schienen zu brennen, ein gewaltiger Glanz ging von ihnen aus und erhellte den ganzen Palast. Latinus fragte sogleich das Orakel seines Vaters Faunus, und dieser weissagte ihm, Lavinia werde einen Mann aus fremdem Stamme ehelichen und die ruhmvolle Mutter eines Geschlechtes werden, das die ganze Welt beherrschen werde. Zuvor aber sei dem Volke noch ein schwerer Krieg bestimmt. So kam es, dass man Turnus, den jungen Rutulerprinzen, immer vertröstete und Lavinia noch unvermählt war, als Aeneas mit seinen Genossen im Hafen vor Anker ging. Die gelandeten Troer ließen sich am Ufer unter einem hohen, schattigen Baume nieder und bereiteten ein Mahl. Da sie auf den Schiffen weder Tische noch Teller mit sich führten, buken sie breite Weizenkuchen und häuften das Fleisch und die Früchte darauf. Es war nicht viel, ihr Vorrat war während der Reise zusammengeschmolzen, und vor Hunger verzehrten sie zuletzt auch noch die mächtigen Weizenfladen. Da lachte Ascanius, des Aeneas Sohn, laut auf und rief: "Wir verspeisen ja unsere Tische!" Niemand fand an diesem Scherz etwas Besonderes. Aeneas jedoch sprang freudig vom Boden auf und rief mit ausgebreiteten Armen: "Heil dir, du fremdes Land! Du bist4s, das uns die Götter bestimmten! Vater Anchises weissagte mir einst, wir würden an fremdem Gestade nach genossenem Mahl vor Hunger auch noch die Tische verzehren.

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