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Aeneas und Dido

us himmlischen Höhen blickte Juno auf die Burg von Karthago herab. Nichts war ihren wachsamen Augen entgangen, auch nicht das Feuer der Liebe, das Amor in Didos Herzen entzündet hatte. "Nun ist der rechte Augenblick gekommen", sagte sie zu sich selber, "nun will ich das verhasste Troervolk für immer an Afrikas Boden binden. Kann ich seinen Anführer dort festhalten, so wird sein Stamm sich mit den Eingeborenen vermischen und sein Blut sich kraftlos unter den Tyriern verlieren - nie mehr wird es dann zu neuer Macht gelangen, Städte gründen und Länder beherrschen!" Noch ehe die letzten Sterne hinabsanken ins Meer, betrat Juno das himmlische Gelass der Göttin Venus und sprach mit List gar freundliche Worte: "Du hast mit Hilfe Amors, des süßen geflügelten Knaben, einen schönen Sieg davongetragen: Dido ist in den troischen Helden vernarrt, und auch sein Herz beginnt allmählich in Liebe zu entbrennen. Ich mag ihm nicht mehr zürnen, er hat genug erduldet, und darum soll auch unser Hader enden, geliebte Tochter. Wohlan, lass uns ein segensreiches Ehebündnis stiften und die beiden Völker für immer miteinander verschmelzen! Dido möge dem troischen Gatten dienen und ihm die waffenfrohen Tyrier als Hochzeitsgabe schenken!" Venus durchschaute die Heuchelei, doch stellte sie sich willfährig und sprach: "Jupiter wird deine hohe Absicht kaum gefallen, aber wenn du ihn umzustimmen vermagst ? "Das will ich schon besorgen", erwiderte Juno vergnügt, "Sorge du nur dafür, dass der Ehebund in Karthago rasch geschlossen wird. Geschehenem muss auch Jupiter zustimmen!" Damit entschwand sie. Venus winkte ihr freundlich nach, aber im Herzen spottete sie über die Betrogene. Der Morgen übergoss die Felsen und Zinnen Karthagos mit goldenem Licht. Dido veranstaltete für ihre Gäste eine große Jagd. Begleitet von Reitern und Spürhunden, von auserlesenen Jünglingen mit Wurfschlingen, Fangnetzen und breiten Spießen, verließen sie die Burg. Die Königin ritt einen feurigen Zelter; das edle Tier, gold-geschmückt und mit purpurnen Decken behangen, kaute mutig an seinem beschäumten Zaum. Man zog ins Gebirge, wo man Gämsen und Hirsche zu erlegen hoffte. Vier Troer hatten sich ins engere Gefolge der Königin eingereiht, unter ihnen der muntere Ascanius, den die Göttin längst wieder heimlich aus Zypern zurückgebracht hatte. Der Knabe tat sich vor allen anderen hervor, tummelte sein Pferd in den Tälern mit großem Geschick und hätte statt des scheu devonstiebenden Wildes viel lieber schnaubende Eber und brüllende Löwen erlegt. Aeneas und dessen vertrauteste Helden, die dem Trupp der Königin stets in gemessenem Abstand gefolgt waren, zerstreuten sich, im Jagdgebiet angelangt, gleichfalls bald dahin, bald dorthin und machten reiche Beute. So sehr waren alle in ihre Lust vertieft, dass sie nicht merkten, wie sich der Himmel über ihren Häuptern allmählich verdunkelt hatte. Erst als der Wind durch die Bäume sauste und die ersten Regentropfen und Hagelschloßen fielen, gewahrten sie das schwarze Unwetter, das über sie hereinbrach und jeden zwang, einen geschützten Ort, einen breitkronigen Baum oder einen überhängenden Felsen aufzusuchen.

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