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Im Totenreich

asset mich, ihr Freunde, ein wenig sammeln, denn Ungeheures habe ich nun zu berichten. -Die Sonne sank gerade ins Meer, als wir an das Gestade des Okeanosstromes kamen, der alles feste Land umgürtet. Dort wohnt im äußersten Westen, am Ende der Welt, das Volk der Kimmerier. Ihr Gebiet umhüllt ewiger Nebel, den nie ein Sonnenstrahl durchdringt. An seiner Küste legten wir an und fanden bald den heiligen Hain der Persephone. Auch den Felsen entdeckten wir, bei welchem sich die beiden Totenströme vereinigen und dann schaurig zum Acheron abstürzen, und schließlich gelangten wir an den Eingang in die Unterwelt. Wir stiegen ein Stück weit in die Kluft hinab und begannen mit dem Opfer, genau nach den Anweisungen der Zauberin. Sobald das Blut der Schafe in die Grube floss, tauchten auch schon aus der Tiefe die Seelen der Toten empor, Jünglinge und Greise, blühende Mädchen und wundenbedeckte Helden. Grauenvoll stöhnend und schreiend umkreisten sie die Opfergrube und versuchten, von dem Blute zu lecken. Ich aber riss mein Schwert von der Hüfte und wehrte die Luftgebilde ab, denn noch war mir der Schatten des Teiresias nicht erschienen. Bleich vor Entsetzen, wie ich selber, standen die Gefährten, da trieb ich sie an, das Opfer zu vollenden. "Häutet die Tiere ab", rief ich, "und werft die Leiber ins Feuer! Betet zu den ewigen Göttern, damit sie uns heil aus dieser Nacht hinausführen!" In immer dichteren Scharen drängten die Schatten nach unserer Felskluft empor. Als erster nahte sich mir Elpenor, dessen Leib noch unbestattet in Kirkes Palast ruhte. "Weh mir", rief er weinend, "welch elenden Tod musste ich sterben! Welches Verhängnis waltete über meinem jungen Leben! Oh, wenn du mich liebst, Odysseus, so kehre zurück nach Aiaia und verbrenne meinen Leichnam! Errichte mir auch ein Grabmal!" Ich versprach seinen Wunsch zu erfüllen. Elpenor entschwand. An seiner Stelle erschien plötzlich der Schatten meiner edlen Mutter Antikleia, die noch am Leben war, als ich von Ithaka nach Troia aufbrach. Nun war es an mir, zu weinen; aber die Mutter erkannte mich nicht. Endlich nahte sich mir die Seele des Thebaners Teiresias. Der Seher trug - wie Hermes, der Götterbote einen goldenen Friedensstab in der Hand. Da stieß ich mein Schwert in die Scheide und gab die Grube frei. Durstig schlürfte der Schatten das Blut, dann erhob er den Blick, erkannte mich und sprach: "Sohn des Laertes, edler Odysseus, was trieb dich, das liebe Sonnenlicht zu verlassen und diesen Ort der Schrecken aufzusuchen? Hast du nicht schon genug der Leiden erduldet, irrfahrender Held? Du forschst nach deinem künftigen Geschick, nach deiner Heimkehr - oh, ein Gott wird sie dir schwer machen, schwerer als allen anderen Griechen, die Ilions Trümmern den Rücken kehrten und über die wilde Flut nach Hause strebten.

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