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Telemachos verlässt die Heimat, den Vater zu suchen

roia war gefallen, das Heer der Griechen heimgekehrt. Wer dem Schlachtentod und der stürmischen See entronnen war, saß zu Hause bei seinem Volk; ob glücklich oder unglücklich, er war daheim! Nur Odysseus, Sohn des Laertes und Fürst von Ithaka, weilte noch fern auf der Insel Ogygia, wohin ihn nach mancherlei Irrfahrten und schweren Prüfungen ein Sturm verschlagen hatte. Die Herrin der Insel war die unsterbliche Nymphe Kalypso, eine Tochter des Riesen Atlas. Sie hielt den Helden in einer wunderbaren Grotte gefangen, sie begehrte ihn zum Gemahl und versprach ihm Unsterblichkeit und ewige Jugend, wenn er sich ihr vermählte. Odysseus aber blieb seiner Gattin Penelope treu und sehnte sich nach der Heimat. Sein Los rührte endlich auch die Himmlischen. Nur Poseidon zürnte dem Gefangenen unversöhnlich, weil Odysseus seinen Sohn, den einäugigen Riesen Polyphemos, geblendet hatte. Doch weilte der Flutengott gerade fern an Afrikas Gestade, wo er sich über die Opfer freute, die ihm die frommen Aithiopier darbrachten. Die Götter entsandten nach einhelligem Ratschluss Hermes zur Insel Ogygia. "Durchfliege die Luft auf schnellem Schuh", befahlen sie dem Boten, "finde die Nymphe und verkünde ihr, dass Zeus und wir alle dem Dulder die Heimkehr bestimmt haben. Eile!" Hermes tat, wie ihm geheißen. Zugleich schwang sich Athene stürmenden Schrittes vom Olympos hinab; auf goldenen Sohlen schwebte sie über Wasser und Land dahin und hielt bald auf Ithaka, der felsigen Kalkinsel im Ionischen Meer. Ihre Göttergestalt war verwandelt: dem tapferen Mentes, dem König der Taphier, glich sie nun. So schritt sie, die ragende Lanze in der Faust, den Weg zum Königshause des Odysseus hinan. Im Palaste des Fürsten sah es wüst aus. Als Jahr um Jahr verfloss, ohne dass Odysseus heimgekommen wäre, hatte sich allmählich die Ansicht verbreitet, er sei auf dem Meere umgekommen, samt seinem Schiffe für immer verschollen. Da machte sich aus Ithaka selbst, wo manche reiche und mächtige Leute auf ihren Höfen hausten, eine Menge Freier auf, zu denen noch andere von benachbarten Inseln stießen, über hundert an der Zahl. Die kamen mit einem Herold, einem Sänger, zwei geübten Köchen und stattlichem Sklavengefolge daher, ließen sich in Odysseus' Palast und den Wirtschaftsgebäuden häuslich nieder und verprassten das Gut des abwesenden Herrn in üppigen Gelagen. Sie gaben alle vor, um die Hand der Witwe zu werben, und warteten auf den Tag, da Penelope einen von ihnen zum Mann nähme. Drei Jahre schon trieben sie es so, und ihr Übermut kannte keine Grenzen. Athene durchschritt den Hof des Hauses, da saßen die Freier beim Brettspiel, und wer nicht gerade die bunten Steine schob, der lag müßig und faul auf den Häuten der geschlachteten und verzehrten Rinder, indes im Saal die Sklaven hin und her eilten, in gewaltigen Krügen den Wein mischten, mit nassen Schwämmen die zahlreichen Tische wuschen und das duftende, dampfende Fleisch für die nächste Mahlzeit in Stücke schnitten.

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