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Der Riese Polyphemos

on Ilion weg trug mich der Wind westwärts, der lieben Heimat zu. Unsere Schiffe machten gute Fahrt, und die Genossen sehnten gleich mir voll Ungeduld den Augenblick herbei, da Ithaka vor uns aus den Fluten tauchen würde. Aber Zeus schickte uns einen plötzlichen Orkan aus Norden. Meer und Erde hüllten sich in Wolken und Nacht. Mit gebeugten Masten flogen wir dahin, und ehe wir die Segel einziehen konnten, barsten die Stangen und zerriss das Tuch. Neun Tage lang wurden wir vom Sturm hilf- und wehrlos umhergeschleudert, bis wir endlich ans Gestade der Lotophagen gelangten, die sich von nichts anderem als von Lotosfrüchten nähren. Hier landeten wir und nahmen frisches Wasser ein. Dann sandten wir einen Herold und zwei Mann auf Kundschaft aus. Sie gelangten in die Volksversammlung der Lotophagen und wurden von den gutmütigen Leuten sehr freundlich aufgenommen. Aber die Lotosfrucht, die man ihnen anbot, hatte eine eigentümliche Wirkung. Sie schmeckt süßer als Honig, und wer von ihr kostet, der will nichts mehr von Heimkehr wissen, sondern immer in diesem Lande bleiben. So mussten wir denn die Gefährten, während sie weinten und sich mit Händen und Füßen sträubten, gewaltsam zu den Schiffen zurückführen. Wir fuhren weiter und kamen zu dem wilden Volk der Kyklopen. Diese Riesen bebauen ihr Land nicht, sondern überlassen alles Gedeihen den Göttern. Ohne Zutun des Menschen wachsen dort Weizen und Gerste, die edelsten Reben voll großbeeriger Trauben, und Zeus spendete in mildem Regen seinen Segen dazu. Sie leben ohne alle Gesetze, hausen mit Weib und Kind in Höhlen rings auf den felsigen Gebirgshöhen, wie ein jeder will, und keiner kümmert sich um den andern. Außerhalb der Bucht, in mäßiger Entfernung, erstreckt sich eine bewaldete Insel voll wilder Ziegen, die, von keinem Jäger geängstigt, hier sorglos grasen. Die Kyklopen kommen nicht hinüber, sie kennen keinen Schiffsbau, uns aber lenkte eines Gottes schirmende Hand in dunkler Nacht an dieses friedliche Eiland. Als der Morgen anbrach, erlegten wir viele Ziegen auf fröhlicher Jagd, setzten uns sodann ans Feuer und taten uns gütlich am frischen Fleisch und am Wein, den wir noch in unseren Schläuchen hatten. Bis zum Abend schmausten wir. Am anderen Tage packte mich die Lust, das gegenüberliegende Festland mit seiner Felsenküste zu erforschen. Ich fuhr mit meiner Mannschaft auf einem Schiff hinüber. Wir landeten und spähten umher. Da entdeckten wir hoch über uns eine mächtige Felsenkluft, die von Lorbeergesträuch dicht umschattet war. Davor lag ein Gehege aus eingerammten Steinen, hohen Fichten und Eichen. Hinter dieser ungeschlachten Umzäunung hauste ein Mann von riesiger Gestalt, der seine Herde einsam auf entlegene Weiden trieb, nie mit anderen umging, auch mit seinesgleichen nicht, und stets nur Bosheit und Frevel im Sinn hatte.

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