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Rache und Sieg

m Vorsaale des Königshauses hatte Eurykleia ihrem geliebten Herrn ein weiches Lager bereitet und ihn sorglich mit einem schweren Mantel zugedeckt, damit er ja nicht friere; schien er doch ein Greis mit abgezehrten, dürren Gliedern. So schlief er wohlig warm, von Athenes schützender Gegenwart umfangen, bis ihn die Morgenröte aus dem Schlummer weckte und vom Lager trieb. Er hörte nämlich Penelopes Weinen aus dem Frauengemach dringen: die Königin grämte sich, weil der Tag ihrer Hochzeit mit einem der verhassten Freier herauf dämmerte. Odysseus aber befürchtete, sie könnte in den Saal herabsteigen und ihn im hellen Licht vielleicht zu früh erkennen, trotz der Verwandlung. Darum lief er aus dem Palast, trat vor das Tor und erhob seine Hände betend zu Zeus. "Vater du der Götter und Menschen", rief er flehend, "wenn du es warst, der mich unter bittersten Qualen über Länder und Fluten hier hergebracht in die geliebte Heimat, so gib mir ein deutliches Zeichen, dass dir meine Pläne gefallen und du dem Tode der Freier zustimmst!" Er hatte aber noch kaum geendigt, als es aus wolkenlosem Himmel donnerte. Davon wurde sein Herz gestärkt. Mit steigender Sonne fanden sich die Freier wieder im Saale ein, schlachteten herrliches Mastvieh und ließen sich vom besten Weine mischen, galt es doch gerade an diesem Tage das Fest des "bogenführenden Gottes Apollon" zu feiern, das auf Ithaka stets besonders heiliggehalten wurde. Der Schmaus begann. Odysseus hatte wiederum seinen Platz auf der Schwelle des Saales eingenommen und sah zu, wie das Volk von überallher zusammenströmte und sich zum heiligen Hain des sonnenstrahlenden Musengottes und himmlischen Bogenschützen begab, und sein Herz schwoll vor Zuversicht und Rachelust. Nun erhob sich der Herold der Freier und forderte Telemachos auf, seine Mutter zu zwingen, sich unter den werbenden Männern einen Gemahl auszuwählen. "Denn es ist wohl einem jeden klar, dass Odysseus niemals mehr wiederkehrt", rief er, "er ist tot, und sein Leib modert längst in fremder Erde!" Telemachos erwiderte: "Mit Gewalt werde ich meine Mutter nicht aus dem Hause jagen, doch rate ich ihr selbst, sich zu entscheiden!" In diesem Augenblick verwirrte Athene die Gemüter der Freier. Sie fingen plötzlich unbändig zu lachen an, sprangen auf die Sitze und Tische, heulten wie Hunde und grunzten wie die Schweine, verzerrten ihre Gesichter zu scheußlichen Fratzen wie Dämonen und fraßen bluttriefendes rohes Fleisch. Sie gebärdeten sich ganz unsinnig vor Lustigkeit, fielen aber mit einem Schlage in die tiefste Schwermut und Traurigkeit. Tränen entstürzten ihren Augen, und der Seher Theoklymenos, ein Flüchtling, den Telemachos auf seiner Heimfahrt aus Pylos mitleidig auf sein Schiff genommen und nach Ithaka gebracht hatte, sprang auf und rief: "Was ist denn in euch, ihr Unseligen, gefahren? Ich sehe eure Häupter und Glieder von Nacht umhüllt, schreckliche Wehklagen tönen aus eurem Munde! Weh, weh, die Wände des Hauses triefen von Blut, von Schatten wimmelt der Vorhof, sie drängen zum Hades hinab! Unheil seh ich nahen, Unheil, dem keiner entflieht!" Und er verließ mit verhülltem Haupte und eiligen Schritten den Saal.

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